|
Den Wirbeltieren wird beim Arten-, Natur- und Lebensraumschutz medial und im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit in der Regel viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt als den wirbellosen Tieren. Die Gründe dafür sind zum Teil in der menschlichen Psychologie verwurzelt. Das, was Augen hat, behaart und niedlich ist und dem so genannten Kindchenschema entspricht, spricht die Menschen eher an als Wirbellose. Die Problematik der dramatischen Überfischung der Tunfische im Mittelmeer und weltweit ist hinreichend bekannt (siehe eigener Menüpunkt in diesem Untermenü). Auch über andere Arten von Knochenfischen und die Überfischung ihrer Bestände wird viel berichtet. Haie und Rochen (speziell Haie) haben seit einigen Jahren zunehmend eine immer stärker werdende Lobby (siehe eigener Menüpunkt in diesem Untermenü). Die stark bedrohten Meeresschildkröten erfreuen sich großer Popularität, weltweit gibt es zahlreiche Initiativen und Organisationen zu ihrem Schutz (siehe eigener Menüpunkt in diesem Untermenü). Die Vögel gehören durch die ungeheure Popularität des "Birdings", des Vogelbeobachtens, zu den am besten bekannten, am besten untersuchten, am besten dokumentierten (es gibt auch nur annähernd keine andere Gruppe von Wirbeltieren, über die so viele Bücher und sonstige Schriften veröffentlicht werden wie über die Avifauna) und auch am besten geschützten Wirbeltieren überhaupt. Und Säugetiere wie Wale und Delfine sowie Robben stehen ohnehin im Mittelpunkt des Interesses, wenn es um Artenschutz geht. Krebse, Muscheln oder "Würmer" haben es in dieser Beziehung wesentlich schwerer. Dem Schutz von Wirbellosen wird allgemein auch seitens der Medien und der breiten Öffentlichkeit weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Die Zahl der Wirbellosenarten im Mittelmeer ist schwer zu beziffern. Durch die von Menschen herbeigeführten Umweltveränderungen und durch übermäßige Nutzung sind zahlreiche Arten in ihren Beständen bedroht. Doch nur bei wenigen Spezies lassen sich konkrete Angaben zum Grad der Bedrohung machen, da entsprechende Studien fehlen. Hier können nur einige bekannte Beispiele dargestellt werden: - Badeschwämme
- Korallen (Edelkorallen)
- Napfschecken
- Steckmuschel
- Jakobsmuschel
- Steindattel
- Tritonshorn
- Miesmuschel
- Auster
- Hummer
- Languste
- Bärenkrebs
Wirbellose keine systematische Gruppe Fast jeder Taucher, Schnorchler, Strandwanderer und Naturfreund hat in seiner Bibliothek Führer, die sich mit der Wirbellosenfauna oder den Niederen Tieren einer bestimmten Region oder eines Lebensraumes befassen; auch für das Mittelmeer gibt es eine ganze Reihe solcher Bücher. Der allgemeine Sprachgebrauch weicht hier von der wissenschaftlichen Systematik ab: Die Wirbellosen gibt es als systematische Gruppe nicht. Allerdings verwenden durchaus auch Wissenschaftler diese Termini: Wirbellose, Invertebraten und Evertebraten sind Ausdrücke der wissenschaftlichen Alltagssprache und Literatur. Abgesehen davon, dass sie tief verwurzelt sind, beruht die Inkonsequenz auf dem Mangel einer anderen allumfassenden Bezeichnung für die Gesamtheit aller Organismen mit Ausnahme der Wirbeltiere (Vertebrata) bzw. moderner Schädeltiere (Craniota).Zu den Wirbellosen oder Niederen Tieren werden nach dem landläufigen Sprachgebrauch häufig praktisch alle tierischen Organismen ohne Wirbelsäule zusammengewürfelt: Schwämme, Weichtiere, Krebstiere und Insekten, viele verschiedene Vermes (wurmförmige Tiere), Seeigel und die anderen Stachelhäuter mit ihrer einmaligen pentameren (fünfstrahligen) Symmetrie und die den Wirbeltieren nahe stehenden Seescheiden (Ascidiacea, Chordata). Selbst die heterotrophen Protista (diverse tierische Einzeller, d. h. Protozoen) haben man chmal den Weg in die Wirbellosenführer gefunden. Im zoologischen System finden wir das große, als Monophylum angesehene Taxon der Bilateria: Dieses umfasst alle Tiergruppen einschließlich der Wirbeltiere mit Ausnahme der Schwämme, der Nesseltiere und der Rippenquallen (sowie vielleicht der Placozoa). Wir finden auch die Wirbel- bzw. Schädeltiere (Vertebrata bzw. Craniota) als klar definierbares, monophyletisches Taxon an oberster Stelle des Tierreiches. Was wir aber nicht finden, ist eine zusammenfassende Gruppe für alle übrigen Tiertaxa mit Ausnahme der Wirbeltiere. All diesen Organismen fehlt eine Wirbelsäule, und sie sind somit Wirbellose. Ein allumfassendes Taxon mit dem Namen Wirbellose kommt demnach im zoologischen System nicht vor unabhängig davon, welchem Denkmodell zur Evolution man Glauben schenkt, und davon, dass die Ansichten über Stammesgeschichte (= Phylogenie) und Beziehungen der einzelnen Gruppen einem ständigen Wandel unterliegen, keine absoluten Größen im Sinne von Naturgesetzen sind und von Fachleuten kontrovers diskutiert werden. Die Genese des Wirbellosenbegriffs ist hingegen denkbar leicht nachvollziehbar: Schon früh erkannte man die Wirbeltiere vom Fisch bis zur Kuh und anderen Säugern als Verwandtschaftsgruppe. Alle anderen Tiere ohne Wirbelsäule wurden als Wirbellose zusammmengefaßt. Dass sie sehr unterschiedlich gebaut sind, war zwar immer schon deutlich und wurde mit dem Anwachsen des Wissens immer deutlicher, die Bezeichnung für die unterschiedlichen Evolutionslinien hat sich aber aus praktischen Gründen erhalten.Einige Beispiele sollen die Problematik der klassischen Wirbellosen-Wirbeltier-Unterscheidung aufzeigen. Die Seescheiden etwa stehen als Wirbellose den Wirbeltieren systematisch sehr nahe. Sie gehören zu den Chordatieren (Chordata) und zeichnen sich primär durch den Besitz eines stützenden dorsalen Achsenstabes, der Chorda dorsalis, aus, die in der Embryonalentwicklung bei allen Chordaten so auch beim Menschen angelegt wird. Bei den Wirbeltieren wird diese Chorda während der weiteren Ontogenese (Individualentwicklung) durch eine segmentierte Wirbelsäule ersetzt. Für Nichtzoologen ist eine Seescheide oder Synascidie allerdings kaum als naher Verwandter der Wirbeltiere zu erkennen.
Zu den Wirbellosen zählen auch die Acranier (Schädellose), die im Mittelmeer durch den in der Zoologiegeschichte berühmt gewordenen Amphioxus (Branchiostoma lanceolatum) vertreten sind. Dieses auch Lanzettfischchen genannte fischähnliche Tier, das im grobkörnigen Sand eingegraben lebt (Amphioxus-Sand), besitzt zeitlebens eine Chorda dorsalis, jedoch keine Wirbelsäule. Die Grenze zwischen Invertebrat (Wirbelloser) und Wirbeltier verläuft somit innerhalb eines Tierstammes, der Chordaten. So manche Ansichten moderner Systematiker machen das Verstehen dieser Fragen für Nichtbiologen nicht gerade leichter. Ein relativ aktuelles Beispiel bieten die Schleimaale oder Inger (Myxinoidea). Sie sind im Mittelmeer durch Myxine glutinosa vertreten. Während man sie im landläufigen Sprachgebrauch selbstverständlich zu den Fischen rechnete, gehören sie nach Auffassung mancher Fachleute nicht zu den Wirbeltieren. Früher fasste man Inger mit den Neunaugen (Petromyzonta) unter dem Namen Agnatha (Kieferlose) meist als Klasse oder Überklasse innerhalb der Wirbeltiere zusammen. Diese Agnatha werden aber heute nicht als monophyletische Gruppe angesehen. Bei Schleimaalen tritt keine Wirbelbildung auf, ihr Achsenskelett besteht nicht aus einzelnen Wirbeln. Schon im Lehrbuch der Systematischen Zoologie von Storch und Welsch (1991) ist zu lesen: Sicher erscheint, dass die Myxinoidea sehr isoliert innerhalb der Wirbeltiere stehen. Die phylogenetische Systematik (Cladistik) sieht in den Myxinoidea eine Schwestergruppe der Wirbeltiere; Myxinoidea und Vertebrata bilden hier gemeinsam das Taxon Craniota (Schädeltiere). Schleimaale, die man vom Gefühl her automatisch als Fische einstuft, wären nach dieser Einteilung Wirbellose. (Das ist der Grund, warum man streng genommen nicht mehr den Begriff Wirbeltiere für alle diese Tiere verwenden sollte, sondern an dessen Stelle Schädeltiere, Craniota. Denn der Schädel verbindet all diese Organismen ausnahmslos, während die Schleimaale keine Wirbelsäule haben. Allein die Schleimaale machen das altehrwürdige Wort Wirbeltiere wissenschftlich unbrauchbar. Im Übrigen ist Fisch systematisch gesehen ein ebenso unscharf verwendeter Begriff wie etwa Reptil, denn Krokodile, Schuppenechsen und Schlangen, Brückenechsen sowie Schildkröten bilden keine unmittelbare Verwandtschaftsgruppe. Fachzoologen bezeichnen solche Taxa als paraphyletisch. Sie umfassen nicht alle Nachkommen ihrer Stammgruppe und werden mit Anführungszeichen geschrieben . Auf Wirbellose, Fische", Reptilia und weitere Begriffe wegen theoretischer Überlegungen sofort völlig zu verzichten, wäre aus praktischen Gründen dennoch wenig zielführend, da die meisten Menschen die Orientierung im zoologischen System verlieren würden. Wenn man das entsprechende Verständnis hat, darf man also (zumindest umgangssprachlich, nicht in streng wissenschaftlichen Publikationen) getrost verwenden. Manche Biologen und Buchautoren meiden die (Negativ-) Bezeichnung Wirbellose und nennen die so nicht existierende Ansammlung verschiedenster Baupläne Niedere Tiere. Das löst bei anderen naturphilosophische Bedenken aus, da in das Reich des Lebendigen eine menschliche Perspektive, eine Bewertung mit hierarchischer Struktur, nämlich iederen und höheren Organismen, hineininterpretiert wird. In der Natur gibt es zwar einfachere und komplexere Baupläne, sie alle haben sich aber in der Erd- und Stammesgeschichte bewährt. Ihre Bewertung mit nieder und höher scheint daher nicht angemessen und in den wenig glücklichen Bezeichnungen spiegelt sich die alte Scala rerum und die anthropozentrische Sicht der Welt wider. Das Wissen über Wirbeltiere war in der Geschichte der Biologie naturgemäß umfassender als jenes über die zahlreichen Wirbellosengruppen. Die Vielfalt der Niederen Tiere bereitete bereits Tiervater Alfred Edmund Brehm Sorgen. Sein Illustriertes Thierleben erschien 1864. Brehm konnte sein ursprünglich sechsbändiges Werk noch weitgehend allein verfassen, nur für den letzten Band, die Niederen Tiere, hat er die Hilfe von zwei weiteren Fachleuten gebraucht, da er mit all den unterschiedlichen Wirbellosen doch nicht ausreichend gut vertraut war. Ein moderneres klassisches Tierbuch, Grzimeks Tierleben, nennt seinen ersten Band Niedere Tiere. Dieser erste Band beschreibt gleich 19 der ingesamt 22 zu jener Zeit anerkannten Stämme der Metazoa, die Mehrheit der Wirbellosen also, während in den verbleibenden zwölf Bände die Insekten bzw. Arthropoden, die Weichtiere und Stachelhäuter und mit Band 4 beginnend die Wirbeltiere beschrieben sind. Ein Ungleichgewicht zu Ungunsten der Wirbellosen ist hier ebenso wie in vielen anderen Publikationen unübersehbar.
|