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Das Mittelmeer


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Die Geburt des Mittelmeeres aus biogeographischer Sicht

Die Messinische Salinitätskrise im späten Miozän zwischen 5,6 und 5,3 Millionen Jahren vor unserer Zeit war nicht nur für die mediterrane Region eines der spektakulärsten geologischen Ereignisse. Ihr ist die Bildung einer Landbrücke zwischen Afrika und Europa bei Gibraltar vorausgegangen, die den Zustrom von Atlantikwasser unterband.

Während dieser geologisch kurzen, dafür umso kritischeren Periode war das „erste Mittelmeer“ weitgehend ausgetrocknet, wie dicke Evaporitlager am Meeresgrund belegen. Zurück blieben entweder durch Süßwassereinbruch aus der Paratethys und den Flüssen gespeiste und somit brackige Becken oder stark salzhaltige Restgewässer, die mit den Sebchas zu vergleichen sind. In jüngster Zeit wurden westlich von Griechenland auf dem Grund tiefer Täler im Meeresboden fünf derartige ehemalige „Salzseen“ entdeckt.

Während dieser „Lago-Mare-Phase“ des Mittelmeeres ist ein Großteil der ursprünglichen Tethysfauna zugrunde gegangen. Die Salinitätskrise schließt jedoch nicht aus, dass einzelne marine Arten, insbesondere extrem euryhaline Meeresbewohner, überlebt haben könnten. Vor 5,3 Millionen Jahren kam es zum Gibraltar-Wasserfall: Manche Schätzungen gehen davon aus, dass rund 65 km3 Meerwasser pro Tag (23.725 km3 pro Jahr) einströmten; andere rechnen gar mit 40.000 km3 pro Jahr. In jedem Fall war der Zufluss ausreichend, um das gesamte Becken in erdgeschichtlich kurzer Zeit wieder aufzufüllen. Dank der wärmeren klimatischen Bedingungen während des anschließenden Pliozäns kam es zu einer Einwanderung tropischer Faunenelemente aus dem Atlantik. Den nachfolgenden pleistozänen Kaltzeiten dürften viele Abkömmlinge einer einstigen tropischen Tethysfauna zum Opfer gefallen sein.

Im Schwarzen Meer kam es im Bereich des Bosporus vor rund 7.500 Jahren – im Zuge eines ähnlichen „Wasserfalls“ wie lange zuvor bei Gibraltar – zum schlagartigen Einströmen von Mittelmeerwasser in das Pontische Becken. Dabei könnten über eine 150 m hohe Schwelle durch einen engen Meereskanal pro Tag etwa 50 km3 Meerwasser – das entspricht der Kapazität von 200 Niagarafällen – eingeströmt sein und zu einem täglichen Anstieg des Wasserspiegels im Schwarzen Meer von 15 cm geführt haben. Dieses Ereignis wird in den letzten Jahren als mögliche Wurzel von Sintflutlegenden diskutiert. Sie sind neben dem bekannten biblischen Bericht in zahlreichen weiteren Formen und bei vielen Völkern (nicht nur dieser Region) überliefert.

Zuvor, bis zum Ende der letzten Eiszeit vor 10.000 Jahren, war das Schwarze Meer aufgrund seines weit niedrigeren Meeresspiegels vom Marmarameer und damit vom Mittelmeer abgeschnitten. Als ein etwa 500 m unter dem Niveau des heutigen Meeresspiegels gelegener See war es durch den starken Süßwassereinstrom (von der Donau bis zum Kuban) weitgehend ausgesüßt. Erst mit dem ansteigenden Niveau des Mittelmeeres haben sich im Schwarzmeerbecken Brackwasserbedingungen eingestellt. Radiokarbondatierungen der ersten salzwassertoleranten Mollusken belegen deren plötzliches und massenhaftes Vordringen aus dem Mittelmeer vor 7.550 (+/– 100) Jahren.

das_mittelmeer/biogeographie/die_geburt_des_mittelmeeres.txt · Zuletzt geändert: 2015/09/04 11:50 von jakob