Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


Seitenleiste

Inhalt

Das Mittelmeer


Wissenschaftliche Arbeiten

About

das_mittelmeer:biogeographie:die_regionen_des_west-_und_ostmediterrans

Die Regionen des West- und Ostmediterrans

Nachfolgend ist die Beschreibung der einzelnen Teilbecken nach Furnestin dargestellt. Das westliche Becken ist stark durch den atlantischen Einfluss gekennzeichnet. Es lässt sich gemäß den ökologischen Faktoren in einen nördlichen (Spanien, Frankreich, Italien) und einen südlichen Unterbereich (nordafrikanische Küste) trennen.

In Kontinuität mit der Meerenge von Gibraltar ist das Alboranbecken eine Übergangszone zwischen dem Atlantik und dem Mediterran. Mehr als alle andere Bereiche des Mittelmeeres ist es dem atlantischen Einfluss ausgesetzt; der Reichtum an atlantischen Arten ist außerordentlich. Allerdings zeigen sich auf beiden Seiten der Gibraltarschwelle Unterschiede in der relativen Häufigkeit verschiedener Arten; viele kommen nur auf einer der beiden Seiten vor. Das Planton des Alboranbeckens ist durch die hier vorherrschenden hydrologischen und topographischen Bedingungen besonders artenreich. Neritische und ozeanische Arten kommen gemeinsam vor, selbst in Küstennähe überwiegen ozeanische Arten. Nach Osten hin werden viele typische Arten des Alboranbeckens seltener.

Die Küstenregion Nordwestafrikas und gleichzeitig der südlichste Teil des Westmediterrans reicht von Marokko bis Cap Bon. Die Topographie der Küste und der Litoralregion ist ähnlich wie in der Alboransee. So hat die algerische Küste durch ihren schmalen Kontinentalschelf vorwiegend ozeanischen Charakter. Eine gewisse faunistische Affinität zur Alboransee und somit zum Atlantik ist noch deutlich zu erkennen; mediterrane und atlantische thermophile Elemente vermischen sich. Besonders die Bucht von Algier zeigt deutlichen atlantischen Einfluss, im Plankton kommen viele atlantisch-subtropische Arten vor.

Das Meer von Katalonien ist gemäßigt-kalt. Atlantische Arten sind vor allem in seinem östlicheren, allgemein artenreicheren Gebiet zu finden. Der Golfe du Lion gehört zu den kälteren Bereichen, da er dem Mistral ausgesetzt ist. Durch die Rhône und ein ausgedehntes Kontinentalschelf findet man hier eine reiche neritische Fauna bei relativ niedrigem Salzgehalt. Die ozeanische Provinz ist salzhaltiger und ärmer.

Die zentrale Region, zwischen den Balearen und Sardinien, das Baleraren- oder Algero-Provenzalische Becken, gehört zu den artenreichsten; hier kommen typisch mediterrane, atlantisch-mediterrane und auch subtropische Arten vor. Die Region hat ausgeprägten ozeanischen Charakter. Strömungen aus dem Atlantik und in Richtung Atlantik treffen hier aufeinander und führen zu starken vertikalen Wasserbewegungen. Epipelagische Plankter kommen aus diesem Grund auch in größeren Tiefen, meso- und bathypelagische Plankter hingegen an der Wasseroberfläche vor. Auf der Höhe des 40. nördlichen Breitengrades unterscheidet man eine nördliche, temperierte Zone unter Einfluss des nordwestlichen Bereiches und eine südliche, subtropische Zone mit Affinität zum südwestlichen Bereich.

Die nördliche liguro-provenzalische Region hat durch das schmale Kontinentalschelf ozeanischen Charakter. Sie gehört zu den kältesten Bereichen des Mittelmeeres, mit relativ kalten Wintern. Eine Ausnahme machen xerotherme Oasen wie das Vorgebirge von Portofino, wo sich durch das Zusammentreffen verschiedener Strömungen und die besondere Topographie wärmere Nischen bilden. Atlantisch-boreale und subtropische Arten leben daher in relativer Nähe.

Die Hydrologie des Tyrrhenischen Meeres wird in erster Linie durch östliche, salzhaltige, warme Tiefenwässer und in kleinerem Ausmaß von atlantischen, relativ salzarmen Oberflächenwässern geprägt. Diese hydrologische Dualität ist vor allem im nordtyrrhenischen Meer zu sehen, wo die atlantischen Wässer Ostkorsika, die östlichen Wässer hingegen das offene Becken beeinflussen. Dieser Bereich ist gemäßigt, und es gibt nur wenige atlantische Arten. Das südtyrrhenische Meer dagegen ist warm, und thermophile Arten überwiegen. Wegen des ausgedehnten Kontinentalschelfs und der atlantischen Strömung gedeiht das Zooplankton am besten vor der Küste Siziliens. In der Straße von Messina führen entgegengesetzte Strömungen zu vertikalen Wasserbewegungen, und meso- wie bathypelagisches Plankton kommt bis an die Wasseroberfläche.

Die Adria nimmt innerhalb der West-Ost-Aufteilung des Mediterrans eine Sonderstellung ein, und zwar durch die nördliche Lage, die lange schmale Form, die geringe Tiefe (ein Drittel ist nicht tiefer als 50 - –60 m), das kontinentale Klima, die ausgeprägteren Gezeiten im Norden sowie die höchste Produktivität im Mittelmeer. Biogeographisch zeichnet sich die Adria durch Originalität aus. Wegen der relativen geographischen Isolation konnten sich in der Adria besonders viele Endemiten entwickeln. Sowohl das Phyto- als auch das Zooplankton erreicht hier seinen höchsten Endemismusgrad. Das ist zu einem Teil auf die Vielfalt der ökologischen Bedingungen zurückzuführen – Süßwasser-, Brackwasser- und euryöke Salzwasserarten leben relativ eng beieinander –, zum anderen Teil auf das gemischte Erbgut. Aufgrund von Temperatur, Salzgehalt, Dichte, Herkunft, Dynamik der Gewässer und nicht zuletzt die recht unterschiedlichen Wassertiefen wird die Adria in einen nördlichen und einen südlichen Bereich unterteilt. Die Nordadria ist besonders flach, salzarm, reich an Detritus und im Winter kalt. Atlantisch-boreale Elemente überwiegen; gut gedeihen hier beispielsweise die Braunalge Fucus virsoides – die einzige mediterrane Art dieser atlantischen Gattung – und das Seegras Zostera marina. Die Nordadria hat neritischen Charakter, erzeugt große Biomassen mit geringer Biodiversität von zumeist eurythermen und euryhalinen Formen, und man findet hier wenige Holoplankter zugunsten vieler Meroplankter. In der Nordadria finden sich Neoendemiten aus dem Pliozän oder dem Pleistozän und unter den gemäßigten Elementen pontischer Affinität auch Paratethysrelikte.

Die Südadria ist tief und gemäßigt warm, ohne große hydrologische und klimatische Schwankungen. Die Arten sind meist stenotherm und stenohalin, im Plankton überwiegen Holoplankter, meso- und bathypelagische Formen nehmen zu. Tethysrelikte mit levantinischer Affinität kommen in dieser Region regelmäßig vor.

Das Ionische Meer ist durch relativ hohe Temperaturen und höhere Salinität als die Nordadria gekennzeichnet. Der nordwestliche Teil erhält weniger salzhaltiges Wasser aus der Adria und birgt lokal entsprechend oligohaline Faunenelemente wie auch atlantische. Allgemein dominieren aber bereits östliche Arten. Thermophile Formen überwiegen, endemische (auch paläoendemische) Arten sind zahlreich. Das Zooplankton ist dem der angrenzenden Bereiche ähnlich.

Die Küsten Tunesiens und Libyens, die südlichsten des gesamten Mediterrans, zeigen topographische, bathymetrische und hydrologische Eigenheiten. Die Salinität ist hier zwar ähnlich wie im Westmediterran, die Temperaturen aber sind subtropisch. Der Schelf variiert in seiner Ausdehnung; vor dem Golf von Gabès erstreckt es sich über 150 km. Der Tidenhub ist hier der höchste im gesamten Mittelmeer. Von der Oberfläche bis in eine Tiefe von 100 m ist der Schelf von atlantischen Wässern bedeckt, die tieferen Wassermassen hingegen sind typisch östlich. Die Meerestiefen überschreiten – außer weiter östlich von Malta nicht 1.000 m. Innerhalb des Zooplanktons dominieren subtropische Arten.

Mit Ausnahme der Flussmündungen ist die Ägäis oligotroph: Biomassen sind vier Mal geringer als in der Adria; sie sind mehr jenen des Tyrrhenischen und des Libyschen Meeres ähnlich. Die Biodiversität ist geringer als die des Westmediterrans, aber höher als die der Nordadria. Das Zooplankton wird von Copepoden (75– - 95 Prozent) dominiert, die Nordägäis zeichnet sich durch größere Biodiversität und höhere Individuenzahlen aus als die Südägäis. Es gibt nur wenige dominierende Arten.

Topographisch ist die Ägäis auf der Höhe des 38. Breitengrades in eine nördliche und eine südliche Ägäis unterteilt. Beide Bereiche unterscheiden sich sowohl im Benthos als auch im Pelagos in hydrologischen und biogeographischen Aspekten. Durch die boreale Tendenz zeigt die Nordägäis Analogien mit den nördlichen Bereichen des Westmediterrans und mit der Adria. In der abgetrennten Nordägäis haben herrscht eine gewisse ökologischen Isolation vor, viele nordägäische Arten fehlen in der Südägäis. Die Nordägäis ist ein ökologisch isoliertes Becken und hat ein ausgedehntes Kontinentalschelf, was die Entwicklung neritischer und meroplanktontischer Formen begünstigt. Der Salzgehalt ist wegen der wenig salzhaltigen Oberflächenströmung aus dem Schwarzen Meer und der Süßwasserzufuhr aus den Flüssen im Norden mit 31 ‰ niedrig. Der Einfluss pontischen Süßwassers erklärt das Fehlen thermophiler Elemente, den Reichtum an atlantisch-borealen und ponto-kaspischen Elementen (Paratethysrelikte) sowie die geringe Ausdehnung der Tiefseefauna.

Die Südägäis hat hingegen ein schmales Kontinentalschelf (bis auf die Region um die Kykladen herum) und zeigt pelagischen Charakter. Sie stellt einen Übergang zwischen Nordägäis, Westmediterran und Ostmediterran dar. Die Südägäis ist offen gestaltet und hat mit ihrem subtropischen Charakter deutliche östliche Tendenzen. Hier findet man relativ viele Paläoendemiten.

Aufgrund der hohen Verdunstung und der eingeschränkten Regensaison ist der Ostmediterran sehr salzhaltig. Die Zuflüsse haben nur lokalen Einfluss auf den Salzgehalt. Die zumeist hohen Wassertemperaturen erklären den großen Anteil an thermophilen, subtropischen und tropischen Elementen, die verschiedenen Ursprungs sind. Nur wenige Teilbereiche haben borealen Charakter, erkennbar durch atlantisch-boreale Arten.

Das Levantinische Becken ist durch hohe Temperaturen, hohen Salzgehalt, niedrigen Sauerstoffgehalt und wenig Nährstoffe gekennzeichnet. Ein bemerkenswerter Ausdruck der Nährstoffarmut ist der so genannte „Levantinische Nanismus“, der für verschiedene Taxa nachgewiesen worden ist, z. B. für die Sipunculida (Stephen, 1958), Porifera (Levi, 1957) und Fische (Tortonese, 1951). Da dieses Becken für viele atlantisch-mediterrane Organismen suboptimale bzw. pessimale (ungünstige) Bedingungen bietet, stellt es gleichsam eine Art „biogeographischer Sackgasse“ dar. Die levantinische Fauna unterscheidet sich von der westmediterranen vor allem in dem überwiegenden Anteil an thermophiler Fauna. Ihre Artenarmut wird von Por (1975) durch Verarmung der atlanto-ibero-marokkanischen Fauna erklärt; Bacescu (1985) erklärt sie eher mit der Reduzierung von Tethysrelikten durch die klimatischen Veränderungen der Vergangenheit und durch das winterliche Abkühlen des Wassers auf 16– - 17 °C. Die Verarmung borealer Taxa nach Osten hin hat demnach ebenso ökologische wie historische Ursachen.

Die levantinische Arten- und Populationsarmut ist wohl nicht nur durch mangelnde Nährstoffe zu erklären; nach Ansicht von Pérès (1967) handelt es sich vielmehr um ein ökologisches Ungleichgewicht, in dem nicht alle Ressourcen ausgeschöpft und nicht alle Nischen besetzt worden sind. Die rezenten tropischen Besiedler des Ostmediterrans, die Lesseps’schen Migranten, konnten möglicherweise aus diesem Grund reichlich Nischen besetzen. Sie erweisen sich als besonders erfolgreiche Kolonisten. Obwohl sie aber heimische Elemente zahlenmäßig übertreffen können, haben sie in den meisten Fällen autochthone Arten des Mittelmeeres nicht verdrängen können. Immerhin machen die Lesseps’schen Migranten heute schon 10 Prozent der gesamten östlichen Biota aus. Ein deutliches Ost-West-Gefälle ist unter den Lesseps’schen Migranten offensichtlich. Nur im Ostmediterran konnten sie sich weiter ausbreiten, was die Unterscheidung der faunistischen Subregionen des westlichen und östlichen Beckens unterstreicht.

Das Zooplankton besteht aus thermophilen, östlichen Arten, aber auch aus einigen weiteren mit gesamtmediterraner Verbreitung. Nach dem Bau des Assuan-Hochdammes gab es überwiegend quantitative, die gesamte Nahrungskette betreffende Rückgänge: einerseits einen Rückgang der Produktivität (Rückgang des Fischfangs bis auf 30 Prozent), andererseits eine Minderung der saisonalen Zyklen – die Herbstblüte, die im Zusammenhang mit der Nilschwemme die größere der beiden Planktonblüten war, fehlt nun. Durch den verminderten Einstrom von Nilwasser hat sich die Salinität erhöht, was weiter dazu beiträgt, dass Lesseps’sche Migranten begünstigt werden.

Die Küste des Libanons hat nur einen schmalen Kontinentalschelf. Das Frühjahr bringt upwelling mit sich, gefolgt von Maxima des Phyto- und Zooplanktons, letzteres von Herbivoren dominiert. Die Biomasse ist dann hoch, die Biodiversität niedrig. Im Herbst sind die Biomassewerte niedrig.

Aufschlussreich sind Studien, die sich mit den Grenzbereichen zwischen biogeographischen Regionen befassen. Lardicci et al. (1990) haben entlang der toskanischen Küste, die einen Grenzbereich zwischen der liguro-provenzalischen Region und dem nordtyrrhenischen Meer darstellt, biogeographische Übergänge gefunden. Die Untersuchung von 163 Polychaetenarten des Infralitorals ergab folgendes chorologisches Spektrum: 32,1 Prozent circumtropische Arten, 18,9 Prozent atlantisch-boreale, 15,6 Prozent kosmopolitische, 11,1 Prozent endemische sensu stricto, 7,8 Prozent atlantisch-subtropische, 6,7 Prozent indopazifische, 5,6 Prozent endemische sensu lato, 2,2 Prozent von ungewisser Affinität. Die thermophile und somit tyrrhenische Affinität ist vor allem in flacheren Gewässern vorherrschend, während sich die Nähe zur liguro-provenzalischen Region in der Artenzusammensetzung vor allem auf die tieferen, kälteren Gewässer auswirkt.

das_mittelmeer/biogeographie/die_regionen_des_west-_und_ostmediterrans.txt · Zuletzt geändert: 2015/09/04 11:55 von jakob