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Das Mittelmeer


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Atlantische Elemente

66,9 Prozent der Mittelmeerfauna sind beiderseits der Meerenge von Gibraltar zu finden, was zeigt, dass diese Schwelle keine unüberwindliche biogeographische Grenze darstellt. Die meisten heutigen Bewohner des Mittelmeeres haben ihren Ursprung im Atlantik; umgekehrt haben auch einige mediterrane Arten den Weg in den Atlantik gefunden.

Spätestens mit Beginn des Pliozäns wurde der Mediterran in biogeographischer Hinsicht „atlantisiert“. Während die Tethysrelikte tropischen Ursprungs waren, erwiesen sich die ersten atlantischen Migranten als subtropischer Natur. Eine Langzeitabkühlung während des Pliozäns hatte eine weitere Verschiebung zum gemäßigten Klima zur Folge und führte zu einem Austausch subtropischer Elemente durch temperierte. Infolge wiederholter Klima- und Meeresspiegelschwankungen im Pleistozän wichen stenotherme Arten in den Atlantik aus, während die eurythermen im Mittelmeer zurückblieben. Die folgenden atlantischen Einwanderer waren abwechselnd borealer, temperierter oder subtropischer Natur.

Für viele der atlantisch-subtropischen Migranten handelte es sich bei der Besiedelung des Mittelmeeres eher um eine Rückkehr. Der Atlantik war im Miozän ein Refugium für viele Tethysbewohner. Beim Tiefseebenthos ging es hingegen ausnahmslos um Neukolonisierung. Die Messinische Salinitätskrise hat die totale Ausrottung der damaligen Tiefseefauna bewirkt, von der kaum paläontologischen Spuren erhalten sind. Die heutige benthische Tiefseefauna des Mittelmeeres stammt somit von atlantischen Migranten ab. Es ist daher naheliegend, dass es sich bei den mediterranen Tiefsee-Endemiten um Neoendemiten handelt. Auch das Plankton ist bis auf Migranten aus dem Schwarzen und dem Roten Meer ausschließlich atlantischer Herkunft, aber noch jünger als die Tiefseefauna. Das heutige Plankton stammt vorwiegend aus dem Postglazial, wenige Relikte höchstens aus dem Pliozän. Deren atlantischer Ursprung liegt überwiegend in subtropischen und manchmal in temperierten Regionen.

Atlantisch-subtropische Elemente: Zu den atlantisch-subtropischen Einwanderern im Pliozän sowie im Pleistozän während der interglazialen Perioden gehören Arten, die dem Mittelmeer und dem Atlantik gemeinsam sind, etwa die Algen Caulerpa prolifera, Dasycladus vermicularis, Halycistis parvula, Galaxaura adriatica, Crouania attenuata und andere sowie die Krabben (Brachyura) Monodaeus couchii und Pisa tetraodon.

Die atlantisch-borealen Elemente können zwei Gruppen zugeordnet werden. Die erste ist auf das Mittelmeer und die atlantischen Küsten Europas begrenzt, die zweite auf das westliche Mittelmeer, die atlantischen Küsten Europas und die nordamerikanischen Küsten. Die Algen Sphaerococcus coronopifolius, Taonia atomaria und Halopytis incurvus sind Beispiele für die erste Gruppe; in der zweiten finden wir z. B. Stilophora rhizodes, Cutleria multifida, Gymnogrongus norvegicus und Chondria dasyphylla. Boreale Arten sind im Mittelmeer auf Regionen mit borealem Charakter sowie auf tiefere und damit kältere Gewässer begrenzt. So ist etwa die in der Nordsee im Mediolitoral lebende Nacktschnecke Archidoris pseudoargus im Mediterran häufig in 50– - 150 m Tiefe unterhalb der Thermokline (Sprungschicht) zu finden. Die Straße von Messina und die nördliche Adria zeigen ökologische Bedingungen wie der boreale Atlantik. Daher kommt hier eine große Anzahl von Arten vor, die auch im Nordatlantik zu finden ist. Beispiele dafür sind Fucus virsoides und Catenella repens im Adriatischen Meer und Laminaria ochroleuca, Saccorhiza polyschides, Phyllaria reniformis, P. purpurascens in der Straße von Messina.

Nach Giaccone (1972) und Giaccone und Rizzi-Longo (1976) waren die Straße von Messina und die Alboransee zunächst Refugien; jetzt sollen sie wieder Ausbreitungszentren atlantisch-borealer Elemente im Mittelmeer sein. Cinelli (1981) gibt an, dass 53,5 Prozent der gesamten Flora des Kanals von Sizilien aus atlantisch-borealen Elementen besteht. Arten wie Taurulus bubalis (Gemeiner Seebull) und Anarhichas lupus (Seewolf) sind heute, abgesehen von den Kaltwasserzonen des Nordatlantiks, nur im Norden des Mediterrans zu finden. Sie verdanken ihr dortiges Vorkommen höchstwahrscheinlich den niedrigeren Temperaturen während der pleistozänen Kaltzeiten. Strömungsumkehr in der Meerenge von Gibraltar während des Pleistozäns erleichterte es dem kalt-stenothermen Plankton, aus dem Atlantik ins Mittelmeer zu gelangen. Ein Großteil davon starb in den Interglazialzeiten bzw. im Postglazial wieder aus, einige boreale Relikte sind aber noch heute zu finden: Ctenocalanus vanus, Pseudocalanus elongatus, Cyclopina elegans, C. longicornis und Ectinosoma neglectum unter den Copepoden, Sagitta setosa unter den Chaetognathen und Gastrosaccus sanctus unter den Mysidacea.

das_mittelmeer/biogeographie/elemente/atlantische_elemente.txt · Zuletzt geändert: 2015/09/04 11:52 von jakob