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Das Mittelmeer


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Unterschiedliche Grenzziehungen

Die grundlegendste biogeographische Beobachtung ist jene, dass einzelne Organismen, Faunen und Floren jeweils in bestimmten Regionen vorkommen, die unterschiedlich groß sein können.

Biogeographen versuchen, historisch wie ökologisch bedingte Grenzen zwischen benachbarten Gebieten zu finden, die einem Austausch einzelner Tier- und Pflanzenarten entgegenstehen. In ihrer klassisch-deskriptiven Phase hat sich die Biogeographie vor allem damit beschäftigt, eine regionale Hierarchie solcher Regionen, Subregionen und Provinzen zu entwickeln.

Die biologischen Grenzen des Mediterrans zu bestimmen und diesen entsprechend den ökologischen Gegebenheiten zu untergliedern, ist schon lange ein vorrangiges Ziel. In biologischer Hinsicht ist eine Grenzziehung jedoch ungleich schwieriger als in rein geographischer. Bestehen allein für den terrestrischen Raum kaum strikte Grenzen zwischen dem Mediterran und den umliegenden Regionen, so ist die regionale Einteilung des Mittelmeeres in Untereinheiten vielfach willkürlich und mithin Gegenstand der Diskussion. Da die Straße von Gibraltar (Tiefseeorganismen ausgenommen) keine scharfe biogeographische Grenze darstellt und das Mittelmeer somit keine wirklich eigenständige Fauna und Flora hat, wird es allgemein der Atlantisch-Mediterranen Region zugeordnet.

Der Zoogeograph Sven Ekman schlug 1953 innerhalb des großen biogeographischen Gebiets im östlichen Atlantik eine Untergliederung in drei Regionen vor: die Lusitanische Region vom Ärmelkanal bis Gibraltar, die Mauretanische Region von Gibraltar bis zum Capo Blanco in Mauretanien und die Mediterrane Region von Gibraltar bis zur Levanteküste. Letztere schließt dabei die Sarmatische Subregion des Pontischen Beckens mit dem Schwarzen Meer ein. Die Untergliederung in eine westliche und eine östliche Subregion wurde bereits erwähnt.

Andere Biogeographen haben in der Folgezeit etwas veränderte regionale Einteilungen vorgeschlagen. Dabei wurde etwa die Lusitanische und die Mediterrane Region zur Iberisch-Marokkanischen Region zusammengefasst, an die nördlich die Biskaya-Region und südlich die Sahara-Region anschließt. Da die Straße von Gibraltar ungefähr an der Grenze zwischen der subtropischen und der temperierten Zone des östlichen Atlantiks liegt, weist das Mittelmeer Beziehungen zu beiden Provinzen auf.

Wieder andere Fachleute (z. B. J. C. Briggs) unterscheiden innerhalb der großen warm-temperierten marinen Faunenregion eine Lusitanische Provinz (auch als Lusitanisch-Mediterrane Region bezeichnet), die nördlich der Kapverdischen Inseln beginnt, bis zu den Britischen Inseln reicht und Madeira sowie die Azoren einschließt. Nach Osten erstreckt sich diese Provinz über das Mittelmeer hinaus und schließt das Schwarze und Kaspische Meer sowie den Aralsee ein. Unter „lusitanisch“ wird aber teilweise ganz Verschiedenes verstanden, wodurch das Problem der traditionellen Biogeographie mit ihrer recht statischen Einteilung von Meeren und deren Bewohnern in Provinzen, Regionen und Subregionen unterstrichen wird. Je nach betrachteter Organismengruppe – seien dies nun sessile Schwämme, benthische Mollusken, Stachelhäuter, Fische oder pelagisches Zooplankton – differieren naturgemäß die Grenzen der einzelnen Zonen.

Überdies sollten regionale Gliederungen der Meere die Geschichte der jeweiligen Faunen- und Florenelemente widerspiegeln. Der biologische Aussagewert klassischer Einteilungen ist damit in einem dynamischen System, wie es Meere nun einmal sind, erheblich infrage gestellt. M. L. Furnestin beispielsweise fand 1979 die ältere Einteilung in Teilregionen innerhalb des Mittelmeeres für pelagische Planktontiere aufgrund ihrer naturgemäß sehr weiten Verbreitung nicht bestätigt.

Eine im Mittelmeer kaum geeignete Möglichkeit, biogeographische Regionen festzulegen, sind „Verbreitungsindikatoren“. Das Auftreten entsprechender Arten könnte zwar auf ökologisch-physikalisch einheitliche biogeographische Räume hinweisen, doch fehlen im Mittelmeer geeignete Kandidaten. Diese müssten einzig dort heimisch bzw. für Teilregionen charakteristisch sein. Viele Arten sind weiter verbreitet als ursprünglich angenommen und kommen auch außerhalb des Mittelmeerbeckens vor.

Die Verbreitungsareale von Organismen des Litorals, des Benthals und des Pelagials decken sich nicht immer, für sie müssten unterschiedliche Regionen in Betracht gezogen werden. Sinnvoll wäre eine Abgrenzung mediterraner Provinzen durch das Vorkommen jeweils typischer Artengemeinschaften. Dies verlangt eine taxonübergreifende Analyse der Verbreitungsmuster. Die unterschiedliche Naturgeschichte eines jeden Taxons spielt auch eine entscheidende Rolle, denn die heutigen Faunen- und Florenelemente des Mediterrans sind eine komplizierte Mischung aus Formen, die sich hier entwickelt haben und anderen, die aus benachbarten Regionen stammen und das Mittelmeerbecken zu ganz unterschiedlichen Zeiten besiedelt haben.

das_mittelmeer/biogeographie/unterschiedliche_grenzziehungen.txt · Zuletzt geändert: 2015/08/26 14:43 von jakob