Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


Seitenleiste

Inhalt

Das Mittelmeer


Wissenschaftliche Arbeiten

About

das_mittelmeer:geographie:bevoelkerung_und_wirtschaft

Bevölkerung und Wirtschaft

Die Bevölkerung des Mittelmeerraumes ist hinsichtlich ihrer religiös-kulturräumlichen Zugehörigkeit zweigeteilt: in einen christlichen West- und Nordteil und einen islamischen Ost- und Südteil. Unterschiede zwischen katholischen und orthodoxen Christen oder osmanischen und arabischen Moslems sind kaum landschafts- oder gesellschaftsprägend.

Hingegen zeigen sich zwischen den von den beiden monotheistischen Weltreligionen beeinflussten Gebieten wesentliche Unterschiede.

So sind die Siedlungsstrukturen anders. Die europäische Stadt ist geprägt durch die Flucht aus den Innenstädten, die Funktionsverlagerung in die Randbereiche, eine Suburbanisierung und bei entsprechender Größe durch einen modernen Gegentrend der Gentrifikation von Innenstadtbereichen. Die islamische Stadt, sofern sie noch nicht ganz „verwestlicht“ ist, zeigt die Innenstadt noch aktiv als traditionelles Handels- und Dienstleistungszentrum. Wohn- und Arbeitsbereiche sind überwiegend getrennt und die Stadtrandbereiche werden bevorzugt von Zuwanderern bevölkert, häufig mit provisorischen Unterkünften verbaut und ohne entsprechende Infrastruktur. Die Zunahme des Urbanisierungsgrades der islamischen Länder ist höher als jene der europäischen, die Wirtschaftskraft der Städte und auch der Staaten des Orients niedriger. Dies führt zwangsläufig zu einem stärker werdenden Missverhältnis zwischen Siedlungswachstum und effizienter Infrastruktur (insbesondere durchgängige Kanalisation, neutralisierende Müllentsorgung), was in weiterer Folge eine höhere ökologische Belastung mit sich bringt.

Unterschiede finden sich auch im wirtschaftlich-sozialen System. Dominieren in Europa individuelle Besitzungen oder Unternehmungen und solche von Kapitalgesellschaften, so sind im Orient rentenkapitalistische Strukturen noch weit verbreitet. Dieses primär auf Rendite ausgelegte Unternehmenssystem ist in der vertikalen Struktur systemimmanent innovations- und melio-risierungsfeindlich. Gleichzeitig bringen diese Strukturen einen starken Überhang des Dienstleistungsbereiches mit sich. Zieht man ferner in Betracht, dass – teilweise auch bedingt durch den Kolonialismus – der produktive Wirtschaftssektor noch nicht den europäischen Standard erreicht hat oder in absehbarer Zeit erreichen wird und vor allem auch die durchschnittliche Bildung der Bevölkerung eher niedrig ist, so ist die unterschwellige Angst der islamischen Gesellschaft vor der europäisch-westlichen Welt verständlich. Dies führt jedoch zu Friktionen (und in weiterer Folge auch zum fundamentalistischen Islamismus), was wiederum auf europäischer Seite kaum verstanden wird.

Ein wesentliches weiteres soziales Konfliktpotenzial liegt in der Mobilität der Bevölkerung. Viele Europäer verbringen ihren Urlaub in den islamischen Mittelmeer-Anrainerstaaten, ohne auf die typischen religiös-sozialen Eigenheiten dieser Länder Rücksicht zu nehmen. Andererseits leben zahlreiche Moslems aus diesen Ländern als Gastarbeiter in europäischen Staaten bzw. in den Erdöl fördernden Ländern der Arabischen Halbinsel. In vielen Fällen wird ein Großteil ihres Einkommens aus den Gastländern in die Heimatländer geschickt, so dass Teile dieser Länder als Remissengesellschaft wieder vom Ausland abhängig werden. Sind die Gastarbeiter in ihre Heimatländer zurückgekehrt, fühlen sie sich entwurzelt, also weder in das eine noch das andere Sozialsystem integriert. Auch das führt zu Spannungen, die sich häufig in politischen Reaktionen manifestieren.

Der mediterrane Raum ist traditionellerweise einer mit häufigen Migrationen. Ein Pullfaktor sind z. B. die besseren Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten in anderen Ländern – dies ist wohl die häufigste Ursache für zumindest temporäre Migrationen. Das allgemeine wirtschaftliche Nord-Süd-Gefälle initiierte die Gastarbeiterbewegungen. Heute werden diese Möglichkeiten zunehmend verringert oder gar auf Familienzusammenführung eingeschränkt. Dabei wird aus einer ursprünglich vorübergehenden Arbeitsmigration oftmals eine permanente Auswanderung.

Politisch und religiös motivierte Migration ist leider noch in vielen Mittelmeerländern zu finden. Flüchtlinge vor kriegerischen Repressionen oder religiösen Verfolgungen tendieren zur temporären Migration. Solche Zwangswanderungen gab es schon in der Geschichte (Berber, Kopten) und sie finden leider noch immer statt (z. B. Palästinenser, Kurden, Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien).

Besonders aus islamischen Ländern findet auch eine Wohlstands- und Bildungsmigration statt. Der Wunsch nach höherer Bildung, nach sozialem Aufstieg, nach besseren Lebensbedingungen jener, die schon zu Wohlstand gekommen sind, führt oft zur Migration. Dabei werden aber meist Bindungen zu den Heimatländern aufrecht erhalten. Zur Verdeutlichung der Dimensionen seien einige Zahlen angeführt. In den europäischen Industriestaaten Deutschland, Frankreich, Niederlande, Schweiz, Belgien lebten 1995 (Wagner, 2001) folgende Ausländer: ca. 400.000 Griechen, 1,5 Millionen Italiener, 2,6 Millionen Türken, 900.000 Marokkaner und etwa 250.000 Tunesier.

Eine fast gegenläufige Erscheinung zur Migration ist der Tourismus. Richtet sich die Migration modellartig gesehen von den Mittelmeerländern nach West- und Mitteleuropa, so geht die Stoßrichtung der Urlauber aus West- und Mitteleuropa zu 80 Prozent in die nördlichen und zu 20 Prozent in die südlichen Mittelmeerländer.

Der Tourismus bringt nicht nur weitreichende soziale Konfliktpotenziale mit sich, sondern auch ganz massive finanzielle Gewinne. Südeuropa verzeichnete Ende der neunziger Jahre jährliche Deviseneinnahmen von über 51 Milliarden US-$, Nordafrika, Levante und Türkei von über 16 Milliarden US-$. Auch der Anteil der Tourismusdevisen am Bruttoinlandsprodukt zeigt deutlich die Stellung des Tourismus: für Spanien sind es fast 4 Prozent, für Griechenland 3,3 Prozent, für Ägypten 5 Prozent und für Tunesien 6,3 Prozent (Wagner, 2001).

Dennoch müssen Bedenken angemeldet werden. Sowohl die Gastarbeiterbewegung als auch der Fremdenverkehr haben massive Nachteile, die hier nur stichwortartig erwähnt werden können. Neben zahlreichen sozialen Problemen (Unzufriedenheit, unangepasste Lebensformen, religiöse Verfremdung, Entwurzelung) sind es auch wirtschaftliche (teurer Infrastrukturbedarf, höherer Wasserbedarf, enormer Flächenbedarf, saisonaler Work-Force-Bedarf, Kapitalkonzentration) und vor allem umweltbelastende Probleme (Entsorgung, ökologische Stressfaktoren, Übernutzung, Verschmutzung).

Die zunehmende Verstädterung der Bevölkerung ist auch im mediterranen Raum zu finden. Der Anteil der in Städten wohnenden Bevölkerung übersteigt durchweg die 50-Prozent-Marke, die Städte verdichten sich auch, breiten sich aber vornehmlich flächenhaft aus. Das Wachstum geschieht ohne vorherige Industrialisierung (Arbeitsplätze) und holt jede Planung ein. Agglomerationen wie Barcelona (10 Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes), Neapel (10 Prozent), Athen (40 Prozent), Istanbul (15 Prozent), Kairo (30 Prozent) und Tunis (32 Prozent) zeigten ein exponentielles Wachstum nach dem Zweiten Weltkrieg. Ursachen dafür sind eine allgemeine Landflucht, die Hoffnung auf bessere Verdienstmöglichkeiten, der graue Markt in den Städten, bessere Bildungsmöglichkeiten und Infrastruktur und der besonders in den islamischen Ländern überdimensional große Dienstleistungsbereich.

Im Gegenzug zur Verstädterung der Bevölkerung nahm der Anteil der Agrarbevölkerung in den letzten 50 Jahren deutlich ab. In den nördlichen Mittelmeerländern sank er von 30 Prozent auf 10 Prozent, in den südlichen von 60 Prozent auf 35 Prozent. Allerdings ist die Landwirtschaft für diese Länder noch von großer Bedeutung, obwohl ein starker sozio-ökonomischer Wandel zu beobachten ist. So finden sich Intensivierungen (Glashauskulturen, Folienbeete) im Nahbereich großer städtischer Zentren neben flächenhaft auftretenden Extensivierungen. Teilweise verfallen arbeitsintensive Terrassenkulturen oder erodierte Brachflächen zu Ödland.

Diese gegensätzlichen Entwicklungen zeugen von den enormen Strukturänderungen in der Landwirtschaft. So nehmen die Großgrundbesitzungen fast überall ab, kleinbäuerliche Strukturen sind entweder traditionell vorhanden oder entstehen durch Agrarreformen. Subsistenzwirtschaft wurde von marktorientierter Wirtschaft abgelöst. In vielen Fällen reicht die Produktion von Grundnahrungsmitteln jedoch nicht zur Versorgung des heimischen Marktes aus. Weitere Probleme sind sich ändernde Konsumgewohnheiten und verstärkte Konkurrenz von anderen Regionen.

Die Antwort seitens der Agrarwirtschaft liegt in zunehmender Spezialisierung (Frühgemüse), Intensivierung (Kunstdüngergaben), im Ausdehnen der Bewässerungsflächen und Aufstocken in der Tierhaltung. Die Intensivierung der Bewässerungsflächen und Tierhaltung bringt auch eine Übernutzung mit sich. So kann das Sinken des Grundwasserspiegels, das Heraufpumpen mineralstoffreichen Tiefenwassers und mangelnde Entwässerung zu Versalzungen und eine Überstockung der Weideflächen zu Degradationserscheinungen der Vegetation und in weiterer Folge zu Flächenerosionen führen.

Ein wesentlicher Faktor für die skizzierten Erscheinungen der Migration, der Verstädterung und auch der agrarischen Umstrukturierung ist der Bevölkerungsdruck, der in vielen Mittelmeerländern noch zu finden ist. Die Bevölkerungszunahme ist unter anderem auf das durchschnittliche Bildungsniveau, soziale Verhältnisse und religiöse Motive zurückzuführen. Mit steigendem Lebensstandard der einzelnen Länder wird auch die Geburtenrate sinken. Zur Zeit zeigen aber die Alterspyramiden immer noch eine breite Basis.

das_mittelmeer/geographie/bevoelkerung_und_wirtschaft.txt · Zuletzt geändert: 2015/08/25 16:31 von jakob