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Das Mittelmeer


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Östliches Becken

Die Straße von Sizilien ist im weiteren Verlauf ostwärts durchschnittlich 300– - 550 m tief. Zwischen dem ausgedehnten Schelf der Maltagruppe und dem Schelf vor Tunesien (Syrte, siehe unten) gibt es eine knapp 100 km breite, tiefere Verbindung, die kontinuierlich in das Libysche Meer übergeht, den südlichen Teil des Ionischen Beckens.

Ziemlich genau in der Mitte dieses Beckens liegt die 4.030 - –4.070 m tiefe Ionische Tiefsee-Ebene (Ionian abyssal plain). Das Ionische Meer hat eine Fläche von fast 940.000 km2 und ist damit von allen Teilbecken das größte. Durch die Sizilienschwelle abgeschwächt, macht sich die Oberflächenströmung nach Osten nicht mehr so stark bemerkbar; ihre mittlere Geschwindigkeit beträgt nur noch 0,5 bis 0,8 sm/h (Seemeilen pro Stunde), selten mehr. Trotzdem ist sie bis zur Küste Ägyptens als vorherrschende Strömung zu erkennen.

Bereits seit der Antike, jedenfalls seit dem griechischen Geschichtsschreiber Polybios (2. Jahrhundert v. Chr.) sind die Große und Kleine Syrte (Syrtis maior und Syrtis minor) unter diesen Namen bekannt, die zwei größten Buchten an der afrikanischen Mittelmeerküste mit einem bis zu 200 km breiten Schelf. Die Unterschiede zwischen den beiden Buchten sind allerdings beträchtlich; der Begriff wurde vermutlich weiter aufgefasst und allgemein für seichte, durch Gezeiten geprägte, wattartige Meeresbereiche verwendet. Im lateinischen Sprachgebrauch verstand man unter Syrte eine „Sandbank“ oder „Trübsand im Meer“. Offenbar unterschied man nicht immer zwischen der Bucht von Gabès und der Bucht von Sidra, sondern betrachtete die gesamte große Einbuchtung der nordafrikanischen Küste als „Syrte“. Von den Syrten ausgehend nannte man das ganze Hinterland Syrtica regio.

Die westliche Kleine Syrte in der Bucht von Gabès zwischen den tunesischen Inseln Djerba und Kerkenna ist ein seichtes Schelfgebiet mit den stärksten Gezeitenhüben und -strömen des Mittelmeeres. Der Tidenhub kann bei Springtiden 2,5 m betragen. Die Kleine Syrte hat zwischen Qábis und Safáqis traditionell eine bedeutende Tunfisch- und Schwammfischerei. Wegen seiner Erdöl- und Erdgasvorkommen ist das Gebiet wirtschaftlich und strategisch bedeutsam. Die Große Syrte (Khalíj Surt mit dem Golf von Sidra) zwischen Tripolis und Bengasi hat ein etwa 35 - –55 km breites Schelf, das damit wesentlich schmaler ist als jenes der Kleinen Syrte. Hier liegen bedeutende Erdöl-Exporthäfen Libyens: Es-Sidr, Ras Lanuf, Marsa el-Brega, Zwetina und Ajdabija. Hinter dem Kontinentalrand fällt der Meeresgrund rasch auf 1.000– - 2.000 m ab.

In der antiken Schifffahrt waren die Syrten wegen zahlreicher Sandbänke (bei Niedrigwasser) sowie der im Winter häufigen West- und der regenreichen Nordstürme (Gregale) gefürchtet („Weil sie fürchteten, in die Syrte zu geraten …“, berichtet die Apostelgeschichte 27,17). In den Syrten findet man ausgedehnte, hauptsächlich durch Posidonia oceanica gebildete Seegraswiesen. Sie sind die größten des Mittelmeeres und auch in großem Maßstab bedeutend, zählen sie doch zu den weltweit breitesten Seegrasbeständen. Auch Cymodocea nodosa und Zostera noltii sowie der Halophyt Spartina maritima kommen hier vor. Die Syrten sind wichtige Lebensräume der Seeschildkröten und zahlreicher weiterer Tiere, allerdings durch Erdölförderung und Verunreinigungen bedroht. Von Feinsediment (feiner Sand, Schlamm) ausgefüllte Gezeitenbereiche (intertidal mudflats) sind im Frühling und Herbst wichtige Lebensräume von Zugvögeln. Die Syrten mit ihrem Schelf und ihren Seegraswiesen liegen im zentralen Teil des Mittelmeeres, in dem weder der Einfluss des Atlantiks noch die Einwanderung aus dem Roten Meer (Lesseps’sche Migration) stark dominieren. Für viele endemische mediterrane Arten könnten sie zu einem wichtigen Rückzugsgebiet werden.

Die Maltagruppe (Malta, Gozo, Comino und einige kleinere Inseln) liegt auf dem Sizilianischen Schelf, durch den nur 40– - 90 m tiefen und 85 km breiten Maltakanal von Sizilien getrennt. Vom Süden her schiebt sich ihm das Schelf der Kleinen Syrte bzw. das Tunesische Plateau entgegen, so dass nur eine 90 - 100 km breite Verbindung mit ozeanischem Charakter offen bleibt. Plattentektonisch-geologisch ist Malta wie auch der Süden Siziliens noch ein Teil der Afrikanischen Platte.

Das 780 km lange und mehr als 130.000 km2 große Adriatische Meer, das die Form eines von Nordwest nach Südost verlaufenden, durchschnittlich 240 km breiten „Kanals“ hat, ist in der nördlichen Hälfte ein Schelfmeer. Es ist vom Po geprägt, den noch vor der Rhône gegenwärtig größten Zufluss des Mittelmeeres mit fast 49 km3 Wassereintrag jährlich. Erst südlich der Linie zwischen der Gargano-Halbinsel in Mittelitalien und Peljesac in Dalmatien (Pelagrosa- oder Palagruza-Schwelle) erreicht das Adriatische Meer 1.000, maximal etwas über 1.300 m Tiefe. Nördlich davon bewegen sich die Tiefen etwa zwischen 60 und 200 m, in der Nordadria gar nur um 40– - 50 m. Während der letzten Eiszeit war dieses ganze Gebiet trockenes Land.

Im Süden geht das Adriatische Meer durch die rund 76 km breite und etwa 700 - –950 m tiefe Straße von Otranto bzw. die Otrantoschwelle ins Ionische Meer über. Kreta und der Hellenische Inselbogen trennen das Levantinische Becken vom durchschnittlich 700 km langen und 340 km breiten Ägäischen Meer. Es hat eine Fläche von ca. 215.000 km2. Östlich von Kreta gibt es Tiefen bis über 3.500 m, nördlich und nordöstlich der Insel zwischen 1.000 und mehr als 2.000 m tiefe Stellen. Die Topographie des Meeresbodens im Ägäischen Meer, zwischen den etwa 2000 Inseln, ist äußerst komplex. Schwellen und kleinere Becken lösen einander auf engstem Raum ab. Schelfgebiete sind von Kanälen unterbrochen, die meist zwischen 250 und 500 m tief sind, manchmal aber auch über 1.000 m Tiefe erreichen.

Das 667.000 km2 große Levantinische Becken, der östlichste Teil des Mittelmeeres, hat eine gleichmäßige, nahezu quadratische Form, die nur im Nordwesten durch den Hellenischen Bogen und den von Kreta, Kassos, Karpathos und Rhodos gebildeten Inselbogen eine konkave Abrundung erhält. Die Nord-Süd-Ausdehnung liegt im Durchschnitt bei 450– - 500 km (zwischen Fethiye in der Türkei und Kálij ej Árabi in Ägypten etwa 580 km). Die ost-westliche Ausdehnung beträgt auf dem 34. Breitengrad etwas über 1.000 km. Südlich von Kreta liegt der Pliny-Graben, mit 4.450 m Tiefe eine der tiefsten Stellen des Mittelmeeres. Auch östlich von Rhodos liegt ein bis zu 4210 m tiefer Bereich, bereits 30 km von der östlichen Küste von Rhodos erreicht das Meer 4.000 m Tiefe.

Einen großen Teil des zentralen Levantinischen Beckens nimmt die Herodotus-Ebene mit durchschnittlichen Tiefen zwischen 2.000 und 2.800 m ein. Die Bezeichnung „Ebene“ soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es hier sowohl 3.000 bis 3.400 m tiefe Stellen als auch einige untermeerische Berge gibt: Der Eratosthenes-Seamount südlich von Zypern reicht 635 m unter die Oberfläche. Ein immer kleiner werdender Anteil des levantinischen Meeresgrundes besteht aus ozeanischer Kruste, die möglicherweise die älteste der Welt ist. Der passive Kontinentalrand Libyens mit einer dünnen kontinentalen Kruste erreicht bereits den Hellenischen Graben; wahrscheinlich wird es hier zum Andocken des kretischen Aktivrandes und des libyschen Passivrandes kommen. Es kann sich hier somit in der Zukunft kontinentale Subduktion einstellen (kontinentale Kruste subduziert unter eine andere kontinentale Kruste).

Das Schelf ist nahezu im gesamten Levantinischen Becken sehr schmal, an manchen Stellen der Südtürkei, im Libanon oder in Ägypten nur 3–5 km breit. Ein bis zu 75 km breites und bis zu 350 km langes, durch die Sedimente des Nils gebildetes Schelf findet man rund um das Nildelta vor der ägyptischen Küste. Vor Port Said, wo der Suezkanal in das Mittelmeer mündet, ist das Schelf sogar 130 km breit. Der Nil war vor dem Bau des Assuan-Hochdamms mit 95 km3 Wassereintrag jährlich der weitaus bedeutendste Zufluss des Mittelmeeres. In diesem Meeresgebiet findet durch die Einwanderung aus dem Roten Meer eines der weltweit bedeutendsten biogeographischen Experimente statt (Lesseps’sche Migration).

Ein weiteres breites Schelfgebiet liegt in der nordöstlichsten Ecke des Mittelmeeres, in der Bucht von Mersin (Mersin Körfezi) und der Bucht von Iskenderun (Iskenderun Körfezi) in der Türkei. Selbst 40 km von der Küste entfernt ist das Meer hier nur etwas über 50 m tief.

Die einzige größere Insel der östlichen Levante ist Zypern mit einem ähnlich schmalen Schelfsaum wie an den meisten übrigen Küsten des Östlichen Mittelmeeres. Von Syrien ist es durch den knapp 100 km breiten und bis zu 1.300 m tiefen Bacino di Latakia getrennt.

das_mittelmeer/geographie/das_west-_und_ostbecken/oestliches_becken.txt · Zuletzt geändert: 2015/09/02 14:40 von jakob