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Das Mittelmeer


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Großrelief, Küstenverlauf und Küstenlandschaft der Mittelmeerregion

In dieser Teilabhandlung geht es um einen kurzen Abriss der großräumigeren geomorphologischen Gliederung der Küstenlandschaft, um das Verständnis der wichtigsten Faktoren, die diese Landschaft prägen, und um die Erklärung wichtiger geomorphologischer Begriffe.

Lebensräume, die im unmittelbaren Einflussbereich des Meeres liegen und durch dieses geprägt werden (Supralitoral und Medio- oder Eulitoral).

Unter „Landschaft“ im Sinne der Geo- und Biowissenschaften versteht man meist ein Landschaftsökosystem, in dem sich Geosphäre, Biosphäre und Anthroposphäre in ihrem Wirkungsgefüge überschneiden. Die Definitionen des Begriffs sind jedoch vielfältig, je nachdem welche Betrachtungsschwerpunkte man setzt. Umgangssprachlich versteht man unter Landschaft eine bestimmte Region, die sich in ihren Ausprägungen und ihrer Struktur als mehr oder weniger deutlich erkennbare räumliche Einheit darstellt. Es ist hier aus Platzgründen nicht opportun, auf die Vielfalt der möglichen geographischen Betrachtungsweisen der mediterranen „Landschaft“ einzugehen; vielmehr soll eine grobe Gliederung in einige grundlegende „landschaftliche Ökosysteme“ geboten werden, wie sie sich dem Betrachter auf den ersten Blick präsentieren.

Die Küstenlandschaft ist – welche Form sie auch entwickelt – der Übergangsbereich zwischen Meer und Festland, zwischen zwei großen und in jeder Hinsicht grundverschiedenen ökologischen Systemen. Entsprechend vielfältig kann ihre geomorphologische Ausprägung sein und entsprechend spannend ist die Ökologie dieser Grenzzone.

Das Meer als gestaltendes und klimatisch prägendes Element verbindet die Mittelmeerregion mit den anderen vier Regionen der mediterranen Subtropen der Welt. Der Mittelmeerraum hat aber seine Eigenheiten: Nur hier ist das küstennahe Tiefland so engräumig gegliedert, dass die Bevölkerung seit jeher ihre Siedlungen und landwirtschaftlich genutzten Flächen auf mehr oder weniger steile Hanglagen ausdehnen musste. An vielen Küstenabschnitten macht sich die geologisch-plattentektonisch junge Entstehungsgeschichte bemerkbar. Infolge der geringen Tiefenerstreckung des europäischen Festlandes bzw. der gebirgigen Umrandung des mediterranen Beckens sind für die Mittelmeerregion die kurzen Distanzen zum Meer charakteristisch. Das führte bereits zu Beginn der Zivilisation zu einem regen Kontakt der hier lebenden Menschen mit dem Meer: Das Mittelmeer blieb keine trennende Schranke, sondern erlangte rasch eine verbindende Funktion zum Austausch von Waren und Ideen.

An den meisten Küsten des Mediterrans tritt die besonders starke Küstengliederung mit enger Verzahnung von Land und Meer ebenso in Erscheinung wie eine insgesamt große Reliefenergie; darunter versteht man eine geomorphologische Charakterisierung aufgrund der Höhendifferenzen und Hangneigungsstärke bzw. „Neigungswinkel“ der Landschaft. Eine mannigfaltige horizontale und vertikale Gliederung, die Aufsplitterung in kleine und kleinste Sonderräume und insgesamt ein abwechslungsreiches Landschaftsbild sind für den Mittelmeerraum typisch. Eine Ausnahme bilden die etwa 3.000 km der Afro-Arabischen Tafel zwischen Gabès (Tunesien) im Westen und Haifa (Israel) im Osten, mit der der Trockengürtel der Nordhemisphäre mehr oder weniger direkt an das Mittelmeer angrenzt. Hier ist die Küste meist flach, geradlinig und eintöniger; es fehlt der sonst für Mittelmeerküsten so typische Wechsel zwischen Küstenhöfen, Buchten, Nehrungen, Lagunen, Deltas einerseits und Gebirgsvorsprüngen mit Kaps und abweisenden Steilküsten (Kliffe) andererseits.

Westlich von Tunesien und dann fast überall entlang der verbleibenden über 40.000 km der mediterranen Küstenlinie wie an der Ostküste Spaniens, an der tyrrhenischen Küste der Apenninhalbinsel oder in den Maghrebländern wie auch auf fast allen Inseln tritt die volle, abwechslungsreiche, durch Land-Meer-Verzahnung geprägte Vielfalt der Landschaftsformen hervor: Steilküsten wechseln sich mit Schwemmlandküsten und Buchten ab. Die Küstenlinie löst sich in eine unüberschaubare Menge von Halbinseln und Inseln auf, wodurch die enorme Gesamtlänge der Küste mit annähernd 50.000 km verständlich wird. Das Schema der starken Zerklüftung wiederholt sich, wenn man den Maßstab kleiner ansetzt und die Küstenverläufe einzelner Inseln, Halbinseln und Buchten untersucht.

Das mediterrane Georelief entspricht dem eines jungen Falten- und Deckengebirges, das während der alpidischen Orogenese (Gebirgsbildung) entstanden ist. Wie eine Kulisse umrahmen mit der bereits genannten Ausnahme hohe Gebirgszüge das Mittelmeer und schließen neben dem heutigen Meeresbecken reichgegliederte Hügellandschaften, schmale Küstenhöfe und ausgedehnte Küstenebenen ein – oft die einzigen flachen, durch die Horizontale geprägten Landschaftsreliefs der Mittelmeerregion. Die für tief liegende Küstenlandschaften vielerorts charakteristischen Strandterrassen (Sammelbegriff für in unterschiedlichen Höhen und auch unter Wasser liegende Flachformen der Küsten, die auf Meeresspiegelschwankungen zurückgehen; Abrasionsplattform, Strandplatte, Strandplattform). Bis ins 20. Jahrhundert hinein waren viele Küstenebenen versumpft und malariaverseucht.

Grundsätzlich unterscheidet man Felsküsten aus anstehendem Fels, in denen durch Erosion und Abrasion ständig Sedimente produziert werden, und Sediment- oder Schwemmlandküsten, an denen diese Sedimente abgelagert werden und die als Flachküsten ausgebildet sind. Flachküsten können entweder aus primär geomorphologischen Flachformen oder aber aus gealterten Abrasionsflächen hervorgehen. Im ozeanischen Bereich des Meeres sind die Sedimente hauptsächlich biogenen Ursprungs und im Pelagial selbst gebildet (etwa durch Foraminiferen und andere Einzeller). Hinzu kommen gebietsweise große Mengen äolischer Sedimente; sie werden etwa in Teilen des Westpazifiks 3.000 – 4.000 km weit von den Wüsten Asiens durch den Wind herausgetragen. Die Sedimente der Küstenregion sind hauptsächlich terrestrischen Ursprungs. Sie entstehen entweder direkt an der Küste aus primären Hartböden bzw. anstehendem Fels durch die Einwirkung äußerer Kräfte wie Erosion, Abrasion und Bioerosion oder in den angrenzenden Kontinentalgebieten. Von einigen wenigen Flüssen (Fremdlingsflüssen wie Rhône und Nil) sowie vom Wind werden sie auch aus weiter entfernten Gebieten ins Meer und an seine Ufer transportiert. Sand aus der Sahara spielt etwa in der Sedimentation des Mittelmeeres eine große Rolle. Natürlich werden im Litoralbereich sowohl pelagische als auch benthische Sedimente gebildet, ihr mengenmäßiger Anteil ist aber im Vergleich zum terrestrischen Eintrag geringer.

Der Mittelmeerraum ist als plattentektonisch aktives Gebiet an der Kollisionszone großer Platten der Erdkruste und mehrerer Mikroplatten durch rezenten, subrezenten und fossilen Vulkanismus gekennzeichnet, so am Ostrand des Tyrrhenischen Meeres und im Ägäischen Meer mit Santorin. Gebietsweise häufig sind postvulkanische Erscheinungen wie Soffioni (Soffione: toskanischer Begriff für Erdspalten, aus denen mit Borsäure versetzter Wasserdampf entweicht), Solfatare (vulkanische Aushauchung schwefelhaltiger Dämpfe von 100 – 200 °C als Zeichen abklingender Vulkantätigkeit), Fumarolen (Gas- und Wasserdampfaustritt mit 100 – 800 °C und Beimengung verschiedener Stoffe aus aktiven Vulkanen oder Spaltensystemen vulkanischer Gebiete) und heiße Quellen, die im weiten Umkreis erloschener und aktiver Vulkane angeordnet sind. Häufige Erdbeben sind ebenso ein Charakteristikum der Region.

Wichtige Begriffe der Küstengeomorphologie am Mittelmeer

  • Abrasion: abtragende Wirkung der Wellen.
  • Auftauchküsten (Hebungsküsten, Regressionsküsten): topographisch bzw. im Relief eher einförmige Küsten, die durch Regression (Rückzug) des Meeres bzw. Hebung der Küste entstanden sind. Dadurch sind einst vom Meer bedeckte, durch Sedimente eingeebnete Landschaften (Schelfflächen) zum Vorschein gekommen (Gegensatz Untertauchküsten bzw. Transgressionsküsten).
  • Ausgleichsküsten: „gealterte“ Küsten am Ende einer sukzessiven Entwicklung; buchtenarme bis annähernd buchtenfreie Flachküsten, die vor allem auf küstenparallele Sedimentverschiebungen zurückgehen, bei denen aber auch die Abrasion der aus Lockersedimenten bestehenden Küstenvorsprünge eine Rolle spielt. Insgesamt wird durch die ausgleichenden Vorgänge die Küste kürzer und immer geradliniger. Landvorsprünge können durch Strandversetzung und Bildung von Nehrungen miteinander verbunden werden, so dass Haffe entstehen. Ausgleichsküsten bilden sich an gezeitenarmen Küsten bzw. Stränden.
  • Étang: französische Bezeichnung für Lagunen.
  • Fazies: Aus der Sicht der Geoökologie, die sich mit dem Landschaftshaushalt beschäftigt, homogene räumliche Grundeinheit einer Landschaft oder eines Lebensraumes (= Ökotop, Top). In der Biologie bzw. Biozönologie: eine abgeschlossene, kleine Lebensgemeinschaft innerhalb der gesamten Biozönose, die aufgrund von dominanten Charakterarten von anderen abgrenzbar ist (in diesem Sinn auch in der UNEP-Klassifikation der Lebensräume). In der Geologie, Sedimentologie und Geomorphologie: Gesamtheit aller Merkmale eines Sediments (der biogene Inhalt = Biofazies; nur Gestein = Petrofazies). Beispiele für Fazies sind: terrestrische (kontinentale), äolische (durch Wind geprägte), glaziale (Eiszeit), limnische (Süßwasser), fluviale (Flüsse), lakustrine (Seen oder andere stehende Gewässer), marine (Meer), lagunäre (Lagunen), litorale (Küsten), neritische (küstennahe) und abyssische (Tiefsee).
  • Geoökotop: in Inhalt und Struktur homogene geoökologische Raumeinheit, räumliche Äußerung eines Geoökosystems.
  • Georelief (Relief): Grenzfläche der festen Erdkruste gegen die Hydro- und Atmosphäre.
  • Haff: ehemalige Meeresbucht einer Flachküste, die durch eine Nehrung (Landzunge) vom Meer abgetrennt ist. Durch Süßwasserzuflüsse kann ein Haff aussüßen und zur Lagune (Liman, Strandsee) werden.
  • Haffküste: eine Art Ausgleichsküste mit einer Folge von Haffen.
  • Haken (Sandhaken): schmale, langgestreckte Landzungen bzw. Halbinseln (meist aus Sand) an Küstenvorsprüngen (wenn länger: Nehrung), die als Folge von Strandversetzungen entstehen. Der Name geht auf die hakenförmige Gestalt zurück, die meist in Richtung der dahinter liegenden Bucht gebogen ist. Der meerseitige Strand des Hakens ist meist geradlinig (oft mit Dünen), der nach innen, zum Haff gerichtete Strand ist oft leicht gebuchtet, seicht und Ablagerungsgebiet für Schlick.
  • Kap: markanter, fast immer felsiger Vorsprung einer Küste. Kaps waren seit jeher wichtige Landmarken für die Seefahrt und tragen oft einen Leuchtturm.
  • Kliff (cliff): Abfall einer Steilküste
  • Küste: schmaler Grenzsaum (Ökoton) zwischen dem Festland und dem Meer, dessen Klassifizierung nach verschiedenen Kriterien erfolgen kann (nach geomorphologischen Kriterien, die die jüngere Erdgeschichte widerspiegeln: Flach- und Steilküste, Hebungs- und Senkungsküste, Fels- und Sedimentküste u. a.)
  • Lagune: ein vom offenen Meer getrenntes Teilbecken, durch Nehrungen oder eine Reihe von langgestreckten Sandinseln abgetrennte Bucht ( Liman, Haff, Étang).
  • Lagunenküste: durch Lagunen charakterisierte Flachküste.
  • Lido (barrier island): ursprünglich regionalgeographische Bezeichnung für eine Nehrung, heute allgemein für diese verwendet. Unter Lido versteht man eine Kette flacher, langgestreckter Sandinseln bzw. Inselnehrungen, die durch sedimentgefüllte Flachwasserbereiche miteinander verbunden und vom Festland durch eine Lagune getrennt sind.
  • Liman: regionalgeographische Bezeichnung für senkrecht zur Küste stehende haffähnliche Buchten, die durch Nehrungen ganz oder teilweise vom Meer getrennt sind. Sie gehen auf untergetauchte Flussmündungen und Talschluchten zurück und haben daher eine andere Genese als Haffe.
  • Limanküste: durch Limane gekennzeichnete Küstenform.
  • Marsch (Salzmarsch): geomorphologisch-pedologischer, durch Gezeiten geprägter Landschaftstyp bzw. Lebensraum im Küstenbereich oder Ablagerungen von Feinsand und Schlick (mit organischem Material versetzt); in der Bodensystematik Marschboden. Sobald der in einem Haff oder Strandsee angeschwemmte oder abgelagerte Sand und Schlick über den Mittelwasserstand wächst, wird er von Halophyten (Salzpflanzen) besiedelt und verfestigt.
  • Nehrung: eine schmale, langgestreckte Landzunge, die eine Meeresbucht ganz oder annähernd einschließt. Nehrungen entwickeln sich durch Strandversetzung aus Haken (die sonstige Morphologie ist den Haken gleich, siehe dort). Wenn lange Nehrungen sekundär durchbrochen werden, entstehen Nehrungsinseln, auch Lido genannt. Manchmal werden aber auch die Nehrungen selbst als Lido bezeichnet ( Peressip, Liman).
  • Nehrungsküste: durch Nehrungen gekennzeichnete Küste, auch Haff- oder Lagunenküste.
  • Peressip: Bezeichnung für Nehrungen an der ukrainischen Schwarzmeerküste.
  • Priele: verzweigte Abflusssysteme des Gezeitenwassers im Watt.
  • Relief: gehört zu den elementarsten Begriffen der Geo- und Biowissenschaften, ohne dass es eine vereinfachte allumfassende Definition dafür gäbe. Das Wort wird meist in mehrfacher Bedeutung und etwas unscharf definiert verwendet. Neben der allgemeinen Bedeutung für die Oberflächengestalt einer Landschaft versteht man darunter in der Kartographie ein dreidimensionales Geländemodell (Reliefkarte), das die Formen der Erdoberfläche darstellt. In der Geomorphologie und Geoökologie meint man mit Georelief allgemein die Oberflächenform der Erde, ohne nach deren Ursachen zu fragen – das ist Aufgabenbereich der Geomorphogenese. Vielfach wird aber unter Relief auch nur die Höhendifferenz zwischen der höchsten und der tiefsten Ebene einer Landschaft verstanden. Geomorphologisch versteht man darunter ein Georelief.
  • Salzmarsch: Marsch.
  • Strandsee: aus einem Haff entstandener, völlig vom Meer getrennter See, der meist an einer Ausgleichsküste liegt und oft rasch verlandet.
  • Strandversetzung (Küstenversatz bzw. -versetzung, Strandversatz): Sedimentmaterial-Umlagerung durch küstenparallele Strömungen, Wellen (Sog, Schwall) und den schräg zum Strand wehenden Wind. Durch Strandversetzung bilden sich sukzessiv Haken, Nehrungen und Ausgleichsküsten.
  • Tief: Verbindung („Kanal“) zwischen dem Wasserkörper eines Haffs und dem offenen Meer.
  • Tomboli: Strandwälle, die vorgelagerte Inseln mit dem Festland verbinden, wodurch ein abgeschlossener Strandsee entstehen kann.
  • Untertauchküsten (Senkungsküsten, Transgressionsküsten): durch Absenkung des Grundes oder Hebung des Meeresspiegels entstandener, geomorphologisch äußerst formenreicher Küstentypus. Die Eiszeiten und die damit zusammenhängenden eustatischen Meeresspiegelschwankungen spielten bei der Genese der verschiedenen Küstentypen eine wichtige Rolle (Canaliküste in Dalmatien, Schärenküste, Fjordküste, Riasküste).
  • Watt, Wattküste: bildet sich nur an Küsten mit größerem Gezeitenhub (z. B. Nordsee; im Mittelmeer: Nordadria, Bucht von Gabès).
das_mittelmeer/geographie/grossrelief.txt · Zuletzt geändert: 2015/09/02 13:37 von jakob