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Das Mittelmeer


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Grundlagen der Plattentektonik

Der Aufbau der äußeren Hülle unserer Erde, der Lithosphäre, steht am Anfang dieser Einführung in die Geologie und Entstehungsgeschichte des Mittelmeerraumes. Der entscheidende Begriff, die Plattentektonik, deutet bereits an, dass die Lithosphäre keine starre, unveränderliche „Haut“ unseres Planeten ist, sondern aus sich bewegenden Platten besteht.

Das Denken der europäischen Fachwelt zur Entwicklung der Kontinente und Ozeane war lange Zeit von der aus dem 19. Jahrhundert stammenden Abkühlungs- und Kontraktionshypothese beherrscht. Diese Theorie behauptete, dass die wesentlichen Bewegungen in der Erdkruste nur vertikal, also nach oben oder nach unten vor sich gehen können, wobei es in bestimmten Erdzeiten auch zum Zerbrechen und Auffalten der Erdkruste gekommen sei. Erst seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts haben umfangreiche Datenerhebungen (seismische Messungen, Schwerkraftbestimmungen, Bohrungen auf dem Festland und ganz besonders in den Ozeanen) endgültig eine Theorie erhärtet, die die Fachwelt zuvor als unwissenschaftlich abgetan hatte. Ihr Schöpfer war Alfred Wegener, ein aus Berlin stammender Astronom und Meteorologe, der ab 1924 an der Universität Graz als Professor für Meteorologie und Geophysik wirkte. 1912 hat er zum ersten Mal seine Vorstellungen über die Kontinentalverschiebung (= Kontinentaldrift) vorgetragen.

Wegener erkannte, dass die Konturen der heutigen Kontinente wie Puzzlebausteine ineinanderpassen, den Bruchzonen eines ehemals einheitlichen Festlandblockes entsprechen und dass sich die Kontinente seit diesem Auseinanderbrechen voneinander entfernen. Wegener stützte sich überwiegend auf geologische und pa-läontologische Daten, über die Mechanismen und Ursachen der Tektonik wusste man aber damals nur wenig. Obwohl einige seiner Ansichten falsch waren, gebührt ihm das Verdienst für den Entwurf der Kontinentaldrifttheorie. Wegener verstarb im Jahre 1930 während einer Expedition auf Grönland, lange bevor die moderne Meeresgeologie seine Theorie voll bestätigen konnte.

Der Meeresgrund kann aus zwei verschiedenen Arten von Erdkruste bestehen: kontinental oder ozeanisch. Manche Platten der Lithosphäre bestehen nur aus ozeanischer Kruste (Pazifische Platte), andere fast nur aus kontinentaler (Eurasische Platte).

Geowissenschaftler glaubten schon vor langer Zeit in den Tiefseebecken Hinweise auf die erdgeschichtliche Entwicklung des Planeten zu finden. Sie nahmen am Meeresgrund Sedimentdicken bis zu 20 Kilometer an, die voll mit Überresten ausgestorbener Lebewesen sein sollten. Die größten gefundenen Sedimentdicken betrugen aber nur einen Kilometer, was einer Ablagerung über einen Zeitraum von 100 - 200 Millionen Jahren entspricht. Am Mittelatlantischen Rücken konnten überhaupt keine Sedimentkerne an Deck der Bohrschiffe geholt werden. Stattdessen kamen Kugeln von Kissenlava und anderen Bildungen nach oben, wie sie beim Erguss von flüssigem Erdmantelmaterial, dem Magma, und dessen Erstarren unter Wasser entstehen. Eine Erklärung dafür fand man erst in der seafloor-spreading-Theorie.

Im westlichen Mittelmeer finden wir ozeanische Kruste im Liguroprovenzalischen Becken und im Balearenbecken. Beide sind verbunden und gleich alt; sie stammen aus dem Oligozän und dem unteren Miozän und sind damit wesentlich jünger als die ozeanische Kruste der Levante. Alle ozeanischen Böden des Westmediterrans sind tertiären Ursprungs und auf alle Fälle jünger als jene des Ostmediterrans. Das Wesen des Tyrrhenischen Beckens war längere Zeit unklar. Es war unsicher, ob hier seafloor-spreading stattgefunden hat, gerade stattfindet oder in naher Zukunft stattfinden wird oder ob hier nur eine extrem verdünnte kontinentale Kruste von etwa 8 km Stärke besteht. Heute wird die Existenz ozeanischer Kruste im Tyrrhenischen Meer anerkannt, wenngleich hier die für ozeanische Krusten üblichen magnetischen Anomalien fehlen. Vom Grund des Tyrrhenischen Beckens erheben sich zahlreiche seamounts, untermeerische Berge. Hinter dem Kalabrischen Bogen ragen aktive Vulkaninseln über den Meeresspiegel, die Äolischen Inseln. Nicht alle Inseln der Region sind aber vulkanischen Ursprungs: Elba und Capri sind Beispiele für Inseln, die man für Trümmer versunkenen Festlands hält. Die gesamte westapenninische Küste ist eine Küste im Stadium des tektonischen Zerfalls.

Im Ostmediterran findet man ozeanische Kruste im Ionischen Becken, das bis zum Beginn des Quartärs in westlicher Richtung unter Kalabrien und Sizilien subduziert ist. Gegenwärtig schiebt sich diese Kruste unter den Hellenischen Bogen, tatsächlich driftet aber auch die Türkisch-Ägäische (Anatolische) Subplatte mit dem auf ihr stehenden Hellenischen Bogen nach Südwesten. Die östlichsten, immer kleiner werdenden Teile ozeanischer Kruste im Levantinischen Becken erstrecken sich zwischen Zypern und der israelisch-palästinensischen Küste. Man nimmt an, dass diese Kruste – es sind Reste des Tethysgrundes – aus dem Trias (245– - 208 Mio. Jahre) stammen könnte. Damit wäre sie die älteste bekannte, heute vom Meer bedeckte ozeanische Kruste (älteres ozeanisches Krustenmaterial kann man auch in Ophioliten von Faltengebirgszügen antreffen). Wenn das zutrifft, hätte das Mittelmeer sowohl sehr alte ozeanische Krusten in der Levante als auch erst in Entstehung begriffene im Tyrrhenischen Meer. Zentrale Teile des Schwarzmeergrundes bestehen ebenfalls aus ozeanischer Kruste.

das_mittelmeer/geologie/grundlagen_der_plattentektonik.txt · Zuletzt geändert: 2015/09/02 14:48 von jakob