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Das Mittelmeer


Wissenschaftliche Arbeiten

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1516– - 1565

Konrad Gessner, einer der bedeutendsten schweizerischen Universalgelehrten und Naturforscher, vielfach als “Vater der europäischen Zoologie“ und “deutscher Plinius“ hervorgehoben, publizierte in den Jahren 1551 - –1558 sein Werk Historia animalum (auf Deutsch: Allgemeines Thierbuch, 1669/70); mediterrane Meerestiere sind mit Zeichnungen und Beschreibungen vertreten. In seiner “Systematik“ hielt sich Gessner, wie damals üblich, an Aristoteles.

1521

Der berühmte türkische Seefahrer, Geograph und Kartograph Piri Reis (um 1465/1470– - 1554) vollendete sein Werk Kitab-i Bahriye (Das Buch über die Seefahrt), in dem das Mittelmeer, seine Küsten und ihr genauer Verlauf, seine Buchten, Inseln und Zuflüsse mit höchster Präzision beschrieben sind. Auf Hunderten von Karten und Zeichnungen sind sowohl überraschend genaue topographische Details der Küsten als auch historische, kulturelle, soziale und wirtschaftliche Informationen zu den einzelnen Städten, Regionen und Ländern zu finden – und damit ein moderner geographischer Ansatz. 29 Exemplare der Originalausgabe sind bis heute erhalten.

1648

Georges Fournier (1595– - 1652), Jesuit, Geograph und Mathematiker, befasste sich in seinem Werk Geographica orbis notitia per litora maris et ripas fluviorum (Paris 1648) mit Meeresströmungen, einem der wichtigsten ozeanographischen Phänomene.

1658 - –1730

Der aus einer Adelsfamilie in Bologna stammende Luigi Ferdinando Conte di Marsigli (oder Marsili) war der “erste Ozeanograph“ im modernen Sinn des Wortes, der mit Experimenten und Messungen arbeitete und nach den Ursachen von Phänomenen forschte. Er versuchte das Meer in seiner Gesamtheit zu erfassen. Mit den so gewonnenen Erkenntnissen war er seiner Zeit um mindestens 100 Jahre voraus (siehe 1681), denn nach seinem Tod blieb sein weit gefasster ozeanographischer Ansatz für fast 150 Jahre in der Wissenschaft vergessen. Zwischen 1705 und 1708 lebte Marsigli in der kleinen südfranzösischen Hafenstadt Cassis im Golfe du Lion zwischen Marseille und Toulon. Er widmete sich der Meereskunde, indem er unter Assistenz einheimischer Fischer systematisch die Küstengegend erforschte. 1722 wurde er in London durch Sir Isaac Newton in die Royal Society aufgenommen. 1711 veröffentlichte Marsigli in Venedig seinen Brieve ristretto del saggio fisico intorno alla storia del mare, 1725 in Amsterdam die Histoire physique de la mer. Er erkannte die regelmäßig auftretenden geomorphologischen Großformen des Meeresbodens mit Schelf, Schelfkante und Kontinentalabhang, womit er seiner Zeit ebenfalls um 100 bis 150 Jahre voraus war. Auch von der Existenz untermeerischer Canyons im Schelf hat er gewusst – sie wurden erst im 20. Jahrhundert nach der Entwicklung der entsprechenden Technik (Echolot bzw. Sonar) richtig bekannt. Marsigli erahnte das viel später entwickelte Konzept der Fazies (ohne diesen später geprägten Ausdruck zu verwenden). Physikalisch-chemische (Temperatur, Salzgehalt, spezifisches Gewicht, Farbe und Transparenz des Meerwassers) und dynamische Aspekte (Strömungen, Wellen) der Ozeanographie interessierten ihn genauso wie biologische; hier vertritt er noch den Irrtum seiner Zeit und hält die Korallentiere (Cnidaria, Anthozoa) für Pflanzen, ihre Polypen für Blüten.

1660

Der deutsche Universalgelehrte Athanasius Kircher (1602 - –1680), Jesuit und Professor in Würzburg, beschrieb zwei wichtige Bewegungsformen im Meer: die Gezeiten, die durch den Mond hervorgerufen werden, und eine generelle Strömung im Weltmeer, die in den Tropen von Ost nach West verläuft und an den Osträndern der Kontinente nach Nord und Süd abgelenkt wird; dadurch entsteht ein Zirkulationssystem, das auf der Nordhalbkugel im Uhrzeigersinn, auf der Südhalbkugel gegen den Uhrzeigersinn verläuft. Kircher stellte als Erster die Hauptmeeresströmungen kartographisch dar. Er suchte nach den Ursachen der Strömungen und sah sie in der Verdunstung des Seewassers unter Einfluss der Sonneneinstrahlung sowie in den daraus resultierenden Niederschlägen. Kircher erkannte, dass auch der Wind zum Entstehen von Strömungen beiträgt.

1674

Sir Robert Boyle (1627– - 1691), berühmter britischer Physiker und Chemiker und Mitbegründer der Royal Society in London, der als “Wunderkind“ mit acht Jahren bereits Latein und Griechisch beherrschte, mit elf seine erste Bildungsreise in den Mittelmeerraum (Italien) machte und mit 14 die Werke Galileis studierte, veröffentlichte seine Observations and experiments about the saltness of the sea. Dadurch kann er, wenn man so will, als Begründer der chemischen Ozeanographie angesehen werden, obwohl er nach heutigem Verständnis sicher kein Ozeanograph war, vielleicht kein einziges Mal zur See gefahren ist und der Ozean für ihn insgesamt von geringem Interesse war. Für die Chemie (einschließlich der Salinität) des Meerwassers interessierte sich zu jener Zeit – und bereits seit Aristoteles – kaum jemand. 1662 entdeckte Boyle im Experiment jenes Gesetz, das später als “Boyle-Mariotte-Gesetz“ (nach Edme Mariotte, 1620– - 1684) bekannt geworden und für Pressluft atmende Taucher von größter Bedeutung ist (Gesetz über die Ausdehnung von Gasen: das Produkt aus Druck und Volumen ist bei idealen Gasen und nicht zu schneller Druckänderung konstant). Er entdeckte auch die so genannte Anomalie des Wassers, beschrieb die Funktion der Schwimmblase bei Fischen und führte die Alkoholkonservierung für zoologische Objekte ein.

1676

Der niederländische Naturforscher Antony van Leeuwenhoek (1632– - 1723) machte erste mikroskopische Untersuchungen an marinem Phytoplankton. Er war damit seiner Zeit um etwa 200 Jahre voraus, denn die entscheidende Bedeutung pflanzlicher Planktonorganismen für die Photosynthese und Primärproduktion wurde erst nach 1850 allmählich erkannt – erst dann hat man mit einer eingehenden Untersuchung des Planktons begonnen ( William Benjamin Carpenter, Paul Regnard, Victor Hensen, Karl Brandt und andere). Leeuwenhoek konstruierte etwa 200 Mikroskope mit 40- bis 275-facher Vergrößerung, er beschrieb Wimper- und Geißeltierchen (Ciliaten und Flagellaten), Rädertiere (Rotatoria), Moostierchen (Bryozoa) und Bakterien.

1681

Luigi Ferdinando Marsigli (siehe 1658– - 1730) publizierte in Rom seine Beobachtungen über die Strömungsverhältnisse im Bosporus: Osservazioni intorno al Bosforo Tracio. Mit Hilfe eines in die Tiefe hinabgelassenen Seils mit einem Strömungsmesser bewies er die Existenz einer Tiefenströmung aus dem Mittelmeer ins Schwarze Meer, die den Fischern vor Ort damals schon bekannt war. Marsigli ging noch einen Schritt weiter und suchte nach einer Erklärung für dieses Phänomen. Durch ein Experiment mit zwei Becken, die durch zwei übereinanderliegende Öffnungen verbunden waren, ermittelte er als Ursache der Strömung Dichteunterschiede zwischen zwei Wasserkörpern unterschiedlichen Salzgehalts. Das weniger dichte, leichtere Wasser floss durch die obere Öffnung in das eine Gefäß, das dichtere und damit schwerere Wasser durch die untere Öffnung in die entgegengesetzte Richtung. Marsigli könnte daher mit Recht – wie einige andere auch – als erster Ozeanograph bezeichnet werden, denn er erkannte korrekt die Ursachen dessen, was die moderne Ozeanographie thermohaline Konvektion nennt.

1687

Sir Isaac Newton (1643– - 1727) – er gilt als eines der größten wissenschaftlichen Genies aller Zeiten – veröffentlichte seine Mathematical principles of natural philosophy (oft nur Principia genannt) mit der mathematischen Beschreibung der Gravitationskraft. Damit war zum ersten Mal eine wissenschaftliche Erklärung der Gezeiten möglich, eine entscheidende Leistung der physikalischen Ozeanographie, noch bevor diese als Wissenschaft geboren war. Er schuf auch die Grundlagen der Strömungslehre (Hydro- und Aerodynamik) und stellte eine Lehre von Schwingungen (Wellen) auf.

1687– - 1715

Edmund (Edmond) Halley (1656– - 1742), berühmter britischer Astronom, der dem breiten Publikum vor allem durch den Halleyschen Kometen bekannt ist, beschäftigte sich in einer Reihe von Publikationen mit Meereskunde bzw. mit den Wechselwirkungen zwischen Meer und Atmosphäre und dem globalen Wasserkreislauf. In seinem Werk An estimate of the quantity of vapour raised out of the sea by the warmth of the sun wertete er am Mittelmeer gewonnene Erkenntnisse aus. Er schätzte den täglichen Zufluss der neun größten ins Mittelmeer mündenden Flüsse, wobei ihm ein optischer Vergleich mit der Themse als “Maßstab“ diente, und kam zum Schluss, dass das Mittelmeer täglich mehr als dreimal so viel Wasser durch Verdunstung verliert, wie es durch die Zuflüsse erhält. Er hat damit als vermutlich Erster die negative Wasserbilanz des Mittelmeeres erkannt. Man könnte ihn daher – analog zu Boyle – als Vater der physikalischen Ozeanographie bezeichnen; streng genommen war er jedoch genauso wenig Ozeanograph wie Boyle.

1749– - 1750

In Pozzuoli bei Neapel, dem alten Puteoli, noch vor Ostia der Hafen Roms, wurde ein – wie man damals glaubte – antiker Tempel ausgegraben, das “Serapaeum“. Seine 12 m hohen Säulen waren im unteren Drittel von Vulkanasche bedeckt, zwischen 3,5 und 7,5 m Höhe zeigen die Säulen deutliche Spuren von Bioerosion. Das seinerzeit nicht erklärbare Phänomen. hängt mit den geologischen Besonderheiten dieser Region (Phlegräische Felder) zusammen; wiederholte Hebungen und Senkungen des Grundes dauern hier bis heute an.

1772

Antoine Laurent de Lavoisier (1743– - 1794) veröffentlichte eine erste Analyse des Seewassers; sein Hauptinteresse galt dem Mineralwasser, das Seewasser wurde lediglich als die “konzentrierteste Lösung der Natur“ zum Vergleich herangezogen. Durch Verwendung quantitativer Messmethoden war Lavoisier der Mitbegründer der Chemie als Wissenschaft; er bewies im Jahr 1783, dass sich Wasser aus Wasserstoff und Sauerstoff zusammensetzt; er präzisierte die Begriffe “Salz“, “Element“, “Säure“ und “Base“ und prägte die Begriffe “Sauerstoff“ (1789, Sauerstofftheorie: Verbrennung steht mit Sauerstoffverbrauch in Zusammenhang), “Oxidation“, “Reduktion“ und “Radikal“.

1777

Erste Planktonnetze zur Gewinnung von schwebenden Kleinstorganismen aus dem Meer wurden durch Otto Frederik Müller (1730– - 1784) eingesetzt, einen der frühen Mikroskopiker. Die Bedeutung der so gesammelten mikroskopisch kleinen Organismen (sie sind die Hauptproduzenten und Konsumenten der Meere) wurde damals aber noch nicht einmal ansatzweise erkannt, die Planktonorganismen galten eher als Kuriosität. Müller klassifizierte Bakterien und Protozoen; er führte auch die Bezeichnungen “Bacillus“ und “Spirillen“ ein.

1785 und später

Der deutsche Geologe und Mineraloge Abraham Gottlob Werner (1749– - 1817), Professor in Freiberg, und der schottische Geologe, Naturforscher und Privatgelehrte James Hutton (1726– - 1797) publizierten zwei widersprüchliche geologische Theorien, die für lange Zeit die Grundsatzdiskussion prägten. Werner war Hauptprotagonist des heute widerlegten “Neptunismus“, wonach alle Gesteine mit Ausnahme der vulkanischen durch Kristallisation aus dem Urozean entstanden sein sollen und die Erde als eher “fest“ und statisch angesehen wurde. Hutton gehörte als einer der ersten bedeutenden “wissenschaftlichen Geologen“ zu den Begründern des Aktualismus und Plutonismus; die Erde war für ihn etwas Dynamisches, sich Veränderndes. Die wesentlichen gestaltenden Kräfte der Erde wurden berücksichtigt (Art der Entstehung der Gesteine, Gebirgsbildung, Vulkanismus) und mit Prozessen und Veränderungen im Erdinneren (“Zentralfeuer“) in Zusammenhang gebracht. Hutton glaubte (unter anderen zusammen mit Sir Charles Lyell), dass Sedimente verschoben bzw. verfrachtet und sowohl das Festland als auch der Meeresgrund gehoben oder abgesenkt werden können. Von der Kontinentaldrift haben die beiden aber noch nichts gewusst, und sie konnten sich auch keine Kraft vorstellen, die kontinentale Krusten über weitere Distanzen hätte verschieben können. Die entscheidende Rolle der Sedimentation im Meer (Geosynklinalen) wurde damals noch nicht erkannt, Sedimentgesteine konnten nur an Land beobachtet werden. Erst in der Zeit der “Challenger“-Expedition hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Tiefseesedimente über lange Zeiträume äußerst langsam abgelagert werden und dass es zwischen den Ozeanen und Kontinenten dynamische Wechselwirkungen gibt. Aber noch Sir John Murray und Sir Wyville Thomson (siehe 1869) glaubten, dass Meeres- bzw. Ozeanbecken dauerhafte, seit frühen geologischen Zeitaltern unveränderte Gegebenheiten darstellen, eine Meinung, die noch 1900 von vielen Geowissenschaftlern akzeptiert wurde. Es gab jedoch auch schon Ansätze einer dynamischeren Vorstellung.

1786

Der amerikanische Politiker und Naturwissenschaftler Benjamin Franklin (1706– - 1790) – seine gesammelten Schriften wurden in 40 Bänden herausgegeben – publizierte die erste Karte des Golfstroms als Ergebnis von (eher nur deskriptiven) Studien über Meeresströmungen. Der Golfstrom bewirkt eine außerordentliche Klimabegünstigung West- und Nordeuropas; nordeuropäische Häfen bleiben im Winter eisfrei und selbst auf 80 Grad nördlicher Breite kann die Oberflächen-Wassertemperatur noch 10 °C betragen. Franklin ging es hauptsächlich um die navigatorische Nutzung des Golfstroms bei Atlantiküberquerungen. Er beschäftigte sich neben Hydrodynamik auch mit der Wärmelehre (Wärmeleitfähigkeit) und der Meteorologie, so der elektrischen Natur des Blitzes. Er erfand den Blitzableiter.

1831 - –1836

Die Fahrt der HMS “Beagle“ mit Charles Darwin an Bord prägte entscheidend die spätere Entwicklung der Evolutionstheorie.

1833

Sir Charles Lyell (1797 - –1875) waren aufgrund von paläontologischen Befunden dramatische faunistische Veränderungen im “Urmittelmeer“ aufgefallen. Seine ursprüngliche Biozönose war eine Mischfauna aus dem Atlantischen und dem Indischen Ozean. Zur Zeit der “biologischen Revolution“ verließ die Mehrheit der Arten das Mittelmeer in Richtung Atlantik oder starb aufgrund steigender Salinität aus,( siehe 1867, 1959). Lyell gehörte zu den bedeutendsten Geologen des 19. Jahrhunderts. Der durch ihn mitgeprägte Aktualismus erkannte die langsam verlaufenden Prozesse der Gesteinsbildung und der nachfolgenden Erosion als Ursachen für die Veränderungen der Erdoberfläche. Lyell beeinflusste das Entstehen der Abstammungslehre Darwins und war nach ihrer Veröffentlichung auch einer der ersten Verfechter des Darwinismus.

1839 - –1843

Die britische Antarktis-Expedition unter Leitung von Sir James Clark Ross holte Lebewesen aus 732 m Tiefe an die Oberfläche – und griff damit in die Diskussion über die “azoische“ Zone in der Tiefe der Meere ein.

1840– - 1842

Die seinerzeit in Fachkreisen heftig diskutierte Frage, ob es in der “Tiefsee“, dem so genannten Abyssal (damals noch weniger scharf definiert), Leben geben kann, erhielt einen entscheidenden Hinweis – allerdings in die falsche Richtung. Der Brite Edward Forbes (1815 - –1854) – und manch andere, die ihn zitierten – postulierte unterhalb von 300 Faden eine “azoische“ Zone ohne Leben. Seine Fehlinterpretation führte – zu Unrecht – dazu, dass spätere Meeresbiologen Forbes wenig Anerkennung zollten, wenngleich er sich in vielen Bereichen der Meeresforschung Verdienste erworben hat, so durch die Einführung des Schleppnetzes in die Tiefseeforschung. Das Auswerten des Materials aus mehr als 100 Dredschungen (Probenahmen mit der Dredsche bzw. Dredge, einem kräftigen Stahlrahmen mit Netz) – ausgeführt durch das britische Vermessungsschiff “Beacon“ unter Führung von Kapitän Thomas Graves im Jahr 1842 – führte Forbes zum Aufstellen einer vertikalen Zonierung benthischer Lebensräume in der Ägäis mit acht Tiefenstufen. 1843 legte Forbes, der bereits als Student die algerische Küste besucht hatte, der British Association den Report on the Mollusca and Radiata of the Aegean Sea, and on their distribution, considering as bearing on geology vor. Später publizierte er mit Sylvanus Hanley die vierbändige History of British Mollusca and their shells (1848 - –1852). Forbes starb noch nicht einmal 40-jährig als einer der angesehensten Meeresbiologen seiner Zeit, kurz nachdem er den Lehrstuhl für Naturgeschichte an der Universität Edinburgh übernommen hatte. Sein Hauptwerk The Natural History of the European Seas erschien – von Robert Godwin-Austen vervollständigt – postum 1859. In diesem Werk wurden nur noch vier Tiefenstufen des Benthals präsentiert: Gezeiten-, Laminarien-, Korallinen- und Tiefseekorallen-Zone.

1842

Georges Aimé (1810– - 1846) führte Studien über Wellen durch und stellte die Tiefe fest, bis zu der sich ihre Auswirkungen bemerkbar machen.

1845

Sir George Biddell Airy (1801 - –1892) veröffentlichte eines der wichtigsten frühen Werke über die Schwingungstheorie – die Bewegung der Wellen durch das Wasser sah er als Schwingung an. Insgesamt war aber das ozeanographische Wissen über Wellen bis zum Zweiten Weltkrieg recht unzureichend. Als Direktor des Greenwich-Observatoriums war Airy maßgeblich an der Einführung des Greenwich-Meridians als Nullmeridian beteiligt; 1838 hat er darüber hinaus die erste völlig korrekte Theorie des Regenbogens aufgestellt.

1846

Gründung des Museo civico di storia naturale in Triest.

1856

William Ferrel (1817 - –1891), ein bedeutender amerikanischer Meteorologe, veröffentlichte die erste streng wissenschaftliche Studie über Meeres-strömungen, wobei er den Einfluss der Erdrotation auf durch Wind erzeugte Oberflächenströmungen (und die Luftbewegungen selbst: planetarische Zirkulation bzw. Zirkulation der Atmosphäre) beschrieb. Er beschäftigte sich auch mit dem Zusammenhang zwischen Luftdruck und Wind bzw. zwischen Luftdruckänderungen und Windgeschwindigkeit.

1858

Die HMS “Bulldog“ holte im Nordatlantik Seesterne aus 2.305 m Tiefe an die Oberfläche

1859

Charles Darwin (1809– - 1882) veröffentlichte sein Werk On the origin of species by means of natural selection, or the preservation of favored species in the struggle for life. Es ist weder im Mittelmeerraum geschrieben worden, noch sind entscheidende Hinweise dafür aus dem Mittelmeer gekommen, doch waren seine Auswirkungen auf die weitere Entwicklung der Biologie so stark, dass auch ein enormer Aufschwung der mediterranen Meeresbiologie damit in Zusammenhang steht. Die Euphorie jener Zeit spiegelte sich in den damals häufigen Gründungen von meeresbiologischen Stationen wider (siehe 1870 bis heute). Viele berühmte Wissenschaftler wurden durch Darwin stark geprägt, unter ihnen Ernst Haeckel, der im Mittelmeer Radiolarien studierte; auch Edward Forbes hat zu Darwins Vertrauten gehört.

1860

Bergung eines bewachsenen untermeerischen Kabels aus 2.100 m Tiefe bei Sardinien und Widerlegung der “azoischen“ Theorie durch Alphonse Milne-Edwards (1835 - –1900).

1861

Der Breslauer Zoologe Adolf Eduard Grube (1812 - –1880) veröffentlichte die Arbeit Ausflug nach Triest und dem Quarnero, die auf viele andere Forscher inspirierend wirkte. Triest wurde zu einem wichtigen Zentrum der mediterranen bzw. adriatischen Meeresforschung – oder genauer noch: Triest war es schon seit jeher. Johann Friedrich Will (1815– - 1868) hielt sich hier 1843 länger auf und verfasste eine Arbeit über Meeresleuchten. Nicht nur für Zoologen aus der k. u. k. Monarchie war Triest der ideale Standort für Materialbeschaffung (großer Fischereihafen, starke Fischereiflotte) und Ausgangspunkt für weitere Exkursionen an die Küsten der Adria. In Triest wurde durch Alexander O. Kowalewskij (1840 - –1901) unter anderem der berühmte Geschlechtsdimorphismus des Igelwurms Bonelia viridis entdeckt. Kowalewskij beschäftigte sich eingehend mit dem Lanzettfischchen (Amphioxus, Branchiostoma lanceolatum) sowie Ascidien und erkannte die phylogenetische Bedeutung der Chorda dorsalis. Unabhängig von Francis Maitland Balfour schlug er den Stamm Chordata vor.

1863

Der Österreicher Josef Roman Lorenz (von Liburnau) veröffentlichte sein Werk Physicalische Verhältnisse und Verteilung der Organismen im Quarnerischen Golfe. Wie viele andere Meeresbiologen seiner Zeit beschäftigte er sich intensiv mit der Frage der Gliederung des Litorals; die Unterscheidung des Supra- und Sublitorals geht auf ihn zurück. Die Kvarner Bucht in der Nordadria war für meeresbiologisch orientierte Forscher der k. u. k. Monarchie eine ihrer wichtigsten Wirkungsstätten.

1865

Der Däne Johann Georg Forchhammer (1794– - 1865) publizierte ein Werk über die Zusammensetzung des Seewassers, das als ein Meilenstein der chemischen Ozeanographie gilt. Er führte den Begriff “Salinität“ ein und identifizierte im Seewasser 27 Elemente (heute weiß man, dass praktisch alle natürlichen Elemente – zumindest in Spuren – im Meerwasser enthalten sind). Forchhammer stellte die These auf, dass die Salinität in den einzelnen Meeren zwar variiert, die relativen Mengenverhältnisse der einzelnen Bestandteile aber konstant bleiben.

1866

Die Secchi-Scheibe wurde vom vatikanischen Schiff “Immacolata Concezione“ – auch die päpstliche Flotte beteiligte sich an der Meeresforschung – zum ersten Mal eingesetzt. “Erfunden“ hatte das kreisrunde, weiße Hilfsmittel mit 30–50 cm Durchmesser zur Ermittlung der Sichttiefe Padre Angelo Secchi. Die ersten Beobachtungen ergaben Sichttiefen bis zu 42,5 m. Aus der Sichttiefe kann grob der vertikale Extinktionskoeffizient ermittelt werden.

1867

Charles Mayer führte den Namen “Messinian“ ein. Er leitet sich von besonderen marinen Ablagerungen hoher Salinität nahe der sizilianischen Stadt Messina ab. Der Name “Messinian“ sollte später besondere Bedeutung für die Erforschung der Naturgeschichte des Mittelmeeres erlangen (siehe 1970– - 1975).

1868

Anton Felix Dohrn (1840– - 1909) unternahm eine prägende Reise nach Messina, die ihn zu dem Beschluss animierte, eine Station an der italienischen Mittelmeerküste zu gründen (siehe 1872 - –1874). Thomas Henry Huxley (1825 - –1895), gern als “Bulldogge Darwins“ bezeichnet, meinte in alkoholkonservierten Grundproben eine Art “Urschleim“ (Protoplasma) entdeckt zu haben, einen “Organismus niedrigster Art“, den er zu Ehren Ernst Haeckels – und zu dessen großer Freude – Bathybius haeckelii nannte. John Buchanan, Chemiker der “Challenger“-Expedition, entlarvte später Bathybius haeckelii als gelatinösen Niederschlag von Calciumsulfat bei Zugabe von Alkohol zu Seewasser.

1868– - 1870

Die Fahrten der HMS “Lightning“ und der HMS “Porcupine“ mit Wyville Thomson und William Carpenter waren wichtige Vorstufen für die “Challenger“-Expedition.

1869

Sir Wyville Thomson (1830 - –1882) und William Benjamin Carpenter (1813 - –1885) holten Lebewesen (unter anderem Foraminiferen und Schwämme) aus 4.458 m Tiefe an die Oberfläche. Die Vorstellung einer leblosen Zone war damit selbst für so extreme Tiefen endgültig widerlegt, denn die zwei Wissenschaftler fanden Lebewesen in Dredschenproben aus jeder beliebigen Tiefe. Eine der wichtigen Fragestellungen der biologischen Ozeanographie bzw. Meeresbiologie jener Zeit war: Was ist die Nahrungsquelle der in der Tiefe lebenden Organismen? Gelöste organische Stoffe (heute als DOM bezeichnet) wurden als Existenzgrundlage einer “Anhäufung von Protozoen“ in der Tiefe angenommen. J. Gwenn Jeffreys erkannte durch die Menge der Diatomeen in den Sedimenten tiefer Meeresböden, dass sowohl abgestorbene als auch lebende Organismen aus den oberen Wasserschichten in die Tiefe absinken, den Meeresboden erreichen und den dort lebenden Organismen als Nahrungsgrundlage dienen. Wyville Thomson glaubte jedoch noch an eine abgeschwächte Version der „azoischen“ Theorie, dass nämlich Leben nur in der euphotischen (lichtdurchfluteten) Zone und dann erst wieder direkt über und auf dem Meeresgrund möglich ist, ähnlich wie Alexander Agassiz, der bis zu seinem Lebensende am “azoischen“ Charakter mittlerer Wassertiefen festhielt. Diese mittleren Wasserschichten (mesopelagische und obere bathypelagische Zone) hielten beide für mehr oder weniger unbelebt. Sir John Murray nahm aufgrund der Ergebnisse der “Challenger“-Expedition eine spärliche Besiedelung dieser Wasserschichten an. Carl Chun, Ordinarius der Zoologie in Breslau, und Eugen von Petersen, Techniker der Station in Neapel, fischten 1886 mit Hilfe eines verbesserten Schließnetzes aus dem Golf von Neapel reichlich (bathy-)pelagische Fauna aus Tiefen bis 1.400 m und erkannten auch deren tagesperiodische Vertikalbewegungen (später als deep scattering layer mittels Echolot bekannt geworden); sie konnten Agassiz damit jedoch nicht überzeugen. Er führte die Fänge auf die besonderen homothermischen Verhältnisse in den Tiefen des Mittelmeeres zurück; im Gegensatz zum Ozean herrscht hier – selbst in den größten Tiefen – mehr oder weniger konstant eine Wassertemperatur von etwa 13 °C.

1870 bis heute

Ära der meeresbiologischen Stationen; die Gründungen führten zu einem enormen Aufschwung der Meeresbiologie. Manche der Institutionen waren kurzlebig, viele andere sind bis heute bedeutende und traditionsreiche Forschungsstätten geblieben. Nur einige von ihnen können hier erwähnt werden, eine Übersicht heute existierender Stationen bietet Seite 54 f. Meeresbiologische Stationen wurden meist in Fischereihäfen oder zumindest in deren Nähe eingerichtet. Bevor Presslufttauchen zur Standardmethode der Meeresforschung wurde, waren Fischer und später Helmtaucher wichtige Lieferanten biologischen Untersuchungsmaterials. Niemand, auch nicht die frühen Gründer und Meeresforscher, kannten die Organismen, ihre Aufenthaltsorte und die Methoden, wie man an sie herankommt, zu jener Zeit besser als die Fischer. Ein weiterer Vorteil der Meernähe: Seewasser konnte direkt aus dem Meer in die Aquarien der Stationen gepumpt werden und so Haltung und Lebendbeobachtung von Meeresorganismen ermöglichen. Mit dem Anwachsen der Städte, dem Aufkommen des Massentourismus und der zunehmenden Verschmutzung der Meere (das Materialsammeln direkt vor dem Institut wurde dadurch in manchen – jedoch nicht allen – Stationen nahezu unmöglich) verloren manche Institutionen ihre ursprünglich exklusive Stellung. Die moderne Aquarientechnik ermöglicht heute auch Hunderte Kilometer vom Meer entfernt perfekte Meerwasseraquaristik. Trotzdem behielten die Stationen ihre Bedeutung. Von hier aus operieren Forschungsschiffe, vielfach wurden vorgelagerte Feldstationen in möglichst intakten Meeresgebieten (auf Inseln) gegründet, in denen die Ökologie des Meeres studiert werden konnte. Von hier aus unternehmen auch die heute tauchenden Biologen ihre Ausfahrten: Ära des SCUBA-Tauchens (siehe 1943).

1872

Zwischen Juni und Oktober führte das britische Schiff HMS “Shearwater“ unter Leitung von William Wharton Messungen der Strömungsverhältnisse im Bosporus und in den Dardanellen durch. Die von Luigi Ferdinando Marsigli schon lange zuvor (siehe 1681) erkannte Unterströmung aus dem Mittelmeer ins Schwarze Meer wurde durch diese Forschungsfahrt bestätigt.

1872 - –1874

Gründung der meeresbiologischen Station in Neapel durch den deutschen Zoologen Anton Felix Dohrn. Seit Angeregt durch die Veröffentlichung von Darwins Origin of species 1859, ist zur Mitte des 19. Jahrhunderts bei Zoologen speziell die Meeresfauna in den Mittelpunkt des Interesses gerückt – sie wurden daher vielfach als “Wasserzoologen“ verspottet. Es gab viel zu entdecken und zu beschreiben – auch neue höhere taxonomische Kategorien und womöglich “lebende Fossilien“ aus der Tiefsee, nach denen begierig gesucht wurde. Man erhoffte sich neue Erkenntnisse zur Klärung der Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den einzelnen Organismengruppen. Stationen wie jene in Neapel wurden zu modischen Stützpunkten der Biologie, an denen sich, vom “Goethe-Syndrom“ (Liebe zu Italien und dem Mittelmeerraum) befallen, die bekanntesten und namhaftesten Zoologen der damaligen Zeit begegneten: Francis Maitland Balfour und Ray Lancester, de Man, Theodor Boveri, Hans Adolf Eduard Driesch, Carl Chun, Christian Andreas Victor Hensen, Ernst Haeckel, Rudolf Leuckart (unter anderem Arbeiten über Protozoen, Hohltiere und Stachelhäuter, die er erstmalig richtig systematisch unterschied, sowie über Siphonophoren), Carl Friedrich Wilhelm Claus (Gründer und Leiter der zoologischen Station in Triest), Karl Gegenbaur (Arbeiten über die vergleichende Anatomie und Morphologie der Wirbeltiere und Studium niederer Meerestiere) und viele andere. Auch Carl Vogt führte seine Studien vielfach an aus dem Mittelmeer stammenden Tieren durch.

1872 - –1876

“The history of the oceanography as a science began on January 3, 1873.“ Mit diesem geschichtswissenschaftlich nicht ganz haltbaren Satz wird in der englischsprachigen Literatur die Bedeutung jenes Tages gewürdigt, an dem die Arbeit der “Challenger“-Expedition begann. Zweifellos war sie einer der bedeutendsten Meilensteine in der Geschichte der Meeresforschung (wenngleich diese Fahrt das Mittelmeer gar nicht berührte, möglicherweise weil es den Briten “zu unwichtig“ und “zu klein“ war). Die HMS “Challenger“ umsegelte den Globus, legte dabei 69.000 Seemeilen zurück, dredschte bis fast in 6.000 m Tiefe, sammelte über 13.000 Tier- und Pflanzenarten, nahm Hunderte Wasser- und Sedimentproben, machte unzählige ozeanographische Messungen und Beobachtungen und erkannte die globalen Strömungssysteme der Ozeane und Auftriebsgebiete mit aufsteigendem Tiefenwasser (heute upwelling genannt). Die Ergebnisse wurden auf 29.500 Seiten in 50 Bänden mit einer Auflage von 750 Exemplaren veröffentlicht (Report on the scientific results of the voyage of H. M. S. “Challenger“); allerdings ist das Material bis heute nicht völlig aufgearbeitet.

Die berühmtesten Kapazitäten der wissenschaftlichen Welt waren an der Auswertung des “Challenger“-Materials beteiligt (Alexander Agassiz äußerte sich nach vier Jahren intensiven Studiums von Seeigeln in dem Sinn, dass er von nun an nie wieder einen Seeigel erblicken möchte und die ganze Klasse überhaupt aussterben möge). Den umfassendsten Beitrag lieferte Ernst Haeckel, der 4.318 Spezies von Radiolarien beschrieb, davon 3.508 als neue Arten; dies wurde später von dem Zoologen Ludwig Karl Schmarda (1819– - 1908) als “die bedeutendste Leistung der Neuzeit auf dem Gebiete der Zoologie“ gewürdigt. Die zu jener “Pionierzeit des Darwinismus“ von den Biologen sehr begehrten “lebenden Fossilien“ wurden bei der “Challenger“-Expedition jedoch nicht entdeckt. Forschungsfahrt bzw. Weltumsegelung der österreichischen Fregatte “Novara“, die unter anderem biologischen Studien gewidmet war.

1873

Der deutsche Zoologe Carl Claus (1835– - 1899) übernahm nach Rudolf Kern die zoologisch-anatomische Lehrkanzel in Wien. Claus wurde zum Begründer der “Wiener Schule” der Zoologie, die sich sowohl allgemein-zoologisch (starke morphologisch-systematische Tradition) als auch speziell in der Meeresbiologie hervorgetan hat und bis heute aktiv ist. Einige Namen aus mehr als 100 Jahren: Karl Grobben (1854 - –1945), Zoologieprofessor in Wien (Neubearbeitung des 1880 von Carl Claus begründeten Lehrbuchs der Zoologie); Berthold Hatschek (1854– - 1941), österreichischer Zoologe, zahlreiche meereszoologische Arbeiten (Messina) und grundlegende Untersuchungen zum Ursprung des Wirbeltierbauplans; Wilhelm Marinelli (1894–1973) und Rupert Riedl (siehe 1948 –1949, 1952, 1963). Von Jörg Ott, einem Schüler Riedls und derzeit Professor in Wien, stammt ein aktuelles Lehrbuch (Meereskunde). Carl Claus und Franz Eilhard Schulze (1840– - 1921) erhielten vom k. u. k. Unterrichtsministerium den Auftrag, eine zoologische Station in Triest zu errichten – sie wurde 1875 eröffnet –,die sich vor allem mit der Inventarisierung der nordadriatischen Tierwelt beschäftigte (Übersicht der Seethierfauna des Golfes von Triest; ab 1900: Fauna des Golfes von Triest). Später Erwerb des Forschungsschiffes “Adria“.

1880

Gründung einer meeresbiologischen Station in Villefranche-sur-Mer in Südfrankreich, die vor allem bei russischen Wissenschaftlern beliebt war. Durch die Strömungen in der Bucht sammelten sich dort auch pelagische Organismen, wichtige Studienobjekte, an.

1880– - 1882

Französische Forschungsfahrten der “Travailleur“ zwischen der Biskaya und dem westlichen Mittelmeer unter der Leitung des Marquis de Follin.

1881

Gründung der mit der Sorbonne in Verbindung stehenden meeresbiologischen Station Laboratoire Arago in Banyuls-sur-Mer durch Henri de Lacaze-Duthiers (1821– - 1901).

1884

William Dittmar (1833 - 1892) publizierte die Auswertungsergebnisse von 77 Seewasser-Probenahmen der “Challenger“ – die bis dahin genaueste Analyse des Seewassers. Das Verhältnis der Hauptbestandteile des Seewassers zueinander erwies sich als nahezu völlig konstant, eine Erkenntnis, die schon 1819 von dem französischen Chemiker Alexandre Marcet (1770– - 1822) und 1865 von dem Dänen Johann Georg Forchhammer angedeutet wurde. Die chemische Ozeanographie hat sich etwa zu dieser Zeit als eigene Disziplin etabliert.

1887

Christian Andreas Victor Hensen (1835– - 1924) prägte den Begriff “Plankton“ anstelle des Begriffs “Auftrieb“, wie ihn der Physiologe Johannes Peter Müller (1801– - 1858) gebraucht hatte. Hensen leitete 1889 die Atlantik-Plankton-Expedition der Humboldtstiftung, bei der er bereits quantitative Methoden zur Erforschung des Planktons einsetzte; nach ihm ist das “Hensennetz“ (ein spezielles Planktonnetz) benannt. Für Hensen umfasste Plankton noch tote schwebende Materie (also POM nach der modernen Terminologie). Erst Ernst Haeckel präzisierte den Begriff Plank-ton und fügte noch Nekton und Benthos hinzu – heute elementare Begriffe der Meeresbiologie.

1890

Erste Forschungsfahrt der SMS “Pola“ ins östliche Mittelmeer. Prinz Albert I. von Monaco und Mitglieder der “Tiefsee-Kommission“ der Wiener Akademie der Wissenschaften verabschiedeten die erste k. u. k. ozeanographische Expedition. Nach der bahnbrechenden Weltumsegelung der britischen “Challenger“ (1872 - –1876) wollte kaum eine der großen Nationen bzw. der seefahrenden Mächte in der ozeanographischen Forschung zurückbleiben. Die Forschungsfahrten der “Pola“ waren ausgezeichnet geplant: Während das östliche Mittelmeer bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ozeanographisch kaum untersucht war (“Das östliche Mittelmeer ist ein oceanographisch gesehen noch jungfräuliches Gebiet“; Carl Edler von Bermann, 1883), gehörte es nach den österreichisch-ungarischen Tiefsee-Expeditionen zu den seinerzeit am gründlichsten untersuchten Meeresgebieten. 72 ozeanographische Stationen wurden absolviert (eine “ozeanographische Station“ ist eine zuvor festgelegte Meeresstelle, an der ein Forschungsschiff vor Anker geht, um wissenschaftliche Untersuchungen durchzuführen).

1890– - 1899

Die ozeanographischen Forschungen der kaiserlich russischen Geographischen Gesellschaft mit der “âernomorec“ und weiteren Schiffen unter Leitung des Geologen und Paläontologen N. I. Andrusow im Schwarzen Meer führten zu Aufsehen erregenden Ergebnissen. Wasserproben aus mehr als 200 m Tiefe enthielten keinerlei höheres Leben, dafür aber hohe Konzentrationen des hochgiftigen Schwefelwasserstoffs (H2S), womit die bedeutendste ozeanographische Eigenheit des Schwarzen Meeres entdeckt war. Nach neueren Messungen liegt die Grenze zwischen sauerstoffhaltigen und -freien Wasserschichten zwischen 75 und 250 m

1891

Gründung einer kleinen meeresbiologischen Station in Rovigno (Rovinj) durch die Direktion des Berliner Aquariums. Ursprünglich diente die Station vor allem der Beschaffung von Meerestieren für das Aquarium in Berlin, sie hat aber durchaus auch Forschungsaufgaben übernommen. Später wurden mit dem Dampfer “Rudolf Virchow“ Sammelexpeditionen in der Adria durchgeführt. Der vor allem in Innsbruck tätige böhmische Zoologe Adolf Steuer (1871– - 1960), der zu einem der besten Kenner der adriatischen Fauna wurde, hat 1931 die Direktion des deutsch-italienischen Instituts übernommen. Viele mitteleuropäische Universitäten führen hier seit Jahrzehnten traditionell ihre meeresbiologischen Exkursionen für Studenten durch. Zweite Forschungsfahrt der SMS “Pola“ ins östliche Mittelmeer mit 84 ozeanographischen Stationen. Veröffentlichung von Deep-sea Deposits durch John Murray (1841 - –1914) und Alphonse Renard (1842– - 1903). Mit geringfügigen Aktualisierungen ist dieses Werk über pelagische Sedimente bis heute ein Klassiker der Meeresgeologie.

1892

Dritte Forschungsfahrt der SMS “Pola“ ins östliche Mittelmeer mit 123 ozeanographischen Stationen.

1893

Der in Kiel und Marburg tätige Geograph Theobald Fischer (1846– - 1910), Mitbegründer der modernen Geographie in Deutschland, der auf Reisen durch die Mittelmeerländer naturwissenschaftlich-geographische Studien betrieb, veröffentlichte die Länderkunde der südeuropäischen Halbinseln. Fischer erkannte als Erster das Mittelmeergebiet als große geographische Einheit. Vierte Forschungsfahrt der SMS “Pola“ ins östliche Mittelmeer mit 138 ozeanographischen Stationen.

1894

Forschungsfahrt der SMS “Taurus“ ins Marmarameer und weitere Forschungsfahrt der SMS “Pola“ in der Adria.

Nach 1900

In der Meeresbiologie kristallisierten sich zwei Forschungstrends heraus. Der eine war hauptsächlich sammelnd, deskriptiv und katalogisierend, mit ersten ökologischen Ansätzen, das Meer als Gesamtheit zu erfassen; die zweite Richtung – durch den Rückgang der Fischbestände in der Nordsee eher pragmatisch motiviert – beschäftigte sich mit wichtigen “ökologischen“ Fragen wie Populationsdynamik und Populationsschwankungen, wobei es vielfach mehr um Fischerei-Management ging als um streng wissenschaftliche Untersuchungen. Erst gegen Ende der fünfziger und zu Beginn der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurde die Entwicklung der Fischbestände bzw. ihre Populationsschwankungen als Teil der globalen Ökologie der Meere gesehen, als etwas höchst Komplexes, das nur begrenzt verstanden wird und nicht immer durch Überfischung allein erklärt werden kann.

1902

Martin Knudsen, Carl Forch und S. P. L. Sörensen stellten eine gravimetrische Definition der Salinität auf, die auf Chloridgehalt basierte. Sie standardisierten die Methodik zur Bestimmung der Salinität.

1906 - –1910

Gründung des Institut Océanographique in Paris und des Musée Océanographique in Monaco durch Prinz Albert I. von Monaco (1848– - 1922). Der Prinz war ein namhafter Meeresforscher, der mit seinen Forschungsschiffen “Hirondelle I“, “Princesse Alice I“, “Princesse Alice II“ und “Hirondelle II“ zahlreiche Expeditionen unternahm. Sein Hauptinteresse galt dem Mittelmeer und dem angrenzenden Atlantik, vor allem dem Gebiet um die Azoren. In seiner Laufbahn brachte er es auf über 4.500 meereskundliche Stationen; mit dieser Zahl hat er wohl die überwiegende Mehrzahl hauptberuflicher Ozeanographen (um ein Vielfaches) übertroffen.

1908– - 1910

Die dänischen Expeditionen der “Michael Sars“ (bei Gibraltar), “Dana“ und “Thor“ waren wichtige Zwischenstufen bei der Erkundung des Mittelmeeres.

1912 - –1915

Alfred Wegener (1880– - 1930), Astronom und Meteorologe, der ab 1924 an der Universität Graz als Professor für Meteorologie und Geophysik wirkte, trug 1912 zum ersten Mal seine Vorstellungen über die Kontinentalverschiebung (= Kontinentaldrift) vor, die auch eine Erklärung für die Entstehung des Mittelmeeres liefert. Wenig später, 1915, hat er diese Hypothese in Buchform herausgebracht: Die Entstehung der Kontinente und Ozeane (mit zahlreichen weiteren Auflagen und Übersetzungen). Alexander von Humboldt hatte bereits 1807 auf die ineinander passenden Formen der gegenüberliegenden Küstenverläufe von Afrika und Südamerika aufmerksam gemacht.

1916

Gründung des Istituto Sperimentale Talassografico in Messina. Messina war durch seine Lage an der gleichnamigen Meeresstraße immer schon ein besonderer meeresbiologischer Standort. Durch die enormen Gezeitenströme kommen hier von Zeit zu Zeit bemerkenswerte “Tiefsee“-Organismen an die Oberfläche. Namhafte Naturwissenschaftler (Giovanni Canestrini, Luigi Facciolà, Antoine Risso) und andere haben hier bereits im 19. Jahrhundert unzählige neue Arten aus dem Mittelmeer beschrieben.

Nach 1920

Die Ozeanographen bekamen ein neues, bahnbrechendes Messgerät in die Hand: das Sonargerät (auf Englisch ursprünglich fathometer genannt). Es wurde während des Ersten Weltkriegs als strategisch wichtiges Abwehrmittel gegen Unterseeboote entwickelt. Mit dem Sonar konnten Lotungen erstmals durch eine wesentlich schnellere und zuverlässigere Methode ersetzt werden. Das Wissen über die Gestalt des Meeresgrundes und die Tiefen der Ozeane wurde rasch präzisiert.

1925

Die erfolgreiche Expedition der deutschen “Meteor“ im Atlantik lieferte wichtige Erkenntnisse für die Entwicklung der physikalischen Ozeanographie.

1925 - –1926

Vito Volterra (1860– - 1940), italienischer Mathematiker und Physiker, beschäftigte sich mit der Ökologie des Meeres und postulierte bis heute geltende ökologische Gesetzmäßigkeiten (Lotka-Volterra-Gleichung zur mathematischen Beschreibung von Räuber-Beute-Beziehungen). Initiiert hat die Untersuchung sein Schwiegervater, der Zoologe Umberto d'’Ancona, der sich mit Veränderungen der Fischpopulationen während des Ersten Weltkriegs beschäftigte.

1937– - 1939

Erste Tauchgänge des Wiener Unterwasserpioniers Hans Hass (geb. 1919) im Mittelmeer. Sein Vorstoß in die Meere beeinflusste maßgeblich die weitere Entwicklung des Tauchens, bewirkte eine breite Popularisierung der Meeresforschung und führte bei vielen jungen Menschen der Nachkriegszeit und später zum Entschluss, sich selbst mit Meeresforschung zu beschäftigen.

1939 - –1945

Intensivierung ozeanographischer Forschungen, vor allem der physikalischen Ozeanographie, während des Zweiten Weltkriegs aus militärisch-strategischen Gründen.

1942

Harald Ulrik Sverdrup, Richard Fleming und Martin W. Johnson publizierten den ozeanographischen Klassiker The Oceans.

1943

Die Entwicklung der so genannten “Aqualunge“, eines von der Oberfläche unabhängigen Atemgeräts, durch Jacques-Yves Cousteau und Emile Gagnan markiert den Beginn einer neuen Ära in der Meeresforschung. Das SCUBA-Tauchen (Self-Contained Underwater Breathing Apparatus) erlaubt im Gegensatz zum schwerfälligen und begrenzten Helmtauchen ein freies Bewegen unter Wasser. Diese Entwicklung revolutionierte die Meeresbiologie, und direkte Beobachtungen der Organismen in ihrem natürlichen Lebensraum wurden möglich. Dass es im Mittelmeer einen Putzerfisch (Symphodus melanocercus), einen Anemonenfisch (Gobius bucchichi) oder eine Fressgemeinschaft zwischen Meerbarben (Mullus) und verschiedenen Brassen (Sparidae), Lippfischen (Labridae) und weiteren Fischarten gibt, konnte ebenso erst durch die neue Tauchtechnik genau erforscht werden wie unzählige weitere Details zur Lebensweise und Biologie mariner Organismen. Harald Ulrik Sverdrup und Walter Heinrich Munk von der Scripps Institution of Ozeanography publizierten ihre bahnbrechende Arbeit über Wellen: Wind, waves and swell: a basic theory for forecasting.

1947– - 1948

Die große schwedische Tiefsee-Expedition unter der Leitung von Hans Pettersson erforschte auch das Rote Meer und das Mittelmeer.

1948– - 1949

Unterwasserexpedition Austria unter der Leitung des Wiener Zoologen und Anthropologen Rupert Riedl (1925 - 2005).

1950– - 1952

Dänische “Galathea“-Expedition zur Erforschung des Weltmeeres.

1952

Tyrrhenia-Expedition unter der Leitung von Rupert Riedl. Schwerpunkt dieser und der früheren Austria-Expedition waren die Meereshöhlen. Die Ergebnisse wurden 1966 in Biologie der Meereshöhlen veröffentlicht.

1957

Jacques-Yves Cousteau (1910– - 1997) wurde Direktor des Ozeanographischen Museums in Monaco. Er blieb bis 1988 in dieser Funktion, die ihm viel Freiraum für Forschungsreisen ließ. Cousteaus Filme über die Forschungsfahrten der “Calypso“ (“Geheimnisse des Meeres“) brachten nicht nur viele junge Menschen zum Tauchen, sondern trugen auch zur Sensibilisierung der Weltöffentlichkeit in Bezug auf die Verschmutzung der Meere und der globalen Bedrohung des marinen Ökosystems und der marinen Organismen bei.

1959

Der ursprünglich nicht ganz klar definierte Begriff “Messinian“ (siehe 1867) wird zum allgemein anerkannten Namen für den letzten Abschnitt des Miozäns, das zwischen 7,1 und 5,3 Mio. Jahren vor heute anzusetzen ist. Er sollte etwas mehr als ein Jahrzehnt später eine besondere Bedeutung für die Erforschung des Mittelmeeres gewinnen.

1960– - 1961

Harry Hammond Hess und Robert Sinclair Dietz publizierten die seafloor-spreading-Hypothese.

1963

Rupert Riedl veröffentlichte sein Werk Fauna und Flora der Adria, in späteren Auflagen erweitert zu Fauna und Flora des Mittelmeeres, den bisher umfassendsten Bestimmungsführer für das Mittelmeer, der auch ins Italienische übersetzt wurde.

1970 - –1975

Bohrungen im Rahmen des weltweiten Tiefsee-Bohrprogramms DSDP (Deep Sea Drilling Project), das die Vorstellungen über seafloor-spreading und Kontinentaldrift präzisieren sollte, durch die “Glomar Challenger“ (bis 1983). Das Schiff wurde nach der berühmten HMS “Challenger“ benannt (siehe 1872– - 1876). Diese Bohrungen führten zur Aufstellung der Theorie über die Austrocknung des Mittelmeeres bzw. die “Messinische Salinitätskrise“ durch Kenneth J. Hsü und Bill Ryan. Später kam die “JOIDES Resolution“, ein noch größeres und leistungsfähigeres Bohrschiff, zum Einsatz.

Seit etwa 1980

Die Satellitentechnik leitete ein neues Zeitalter in der physikalischen, chemischen und biologischen Ozeanographie ein. Sowohl im regionalen als auch im globalen Maßstab konnten neue Erkenntnisse in früher unerreichbarer Präzision und Aktualität gewonnen werden. GPS-Messungen ermöglichen genaue Aussagen über die Kontinentaldrift einschließlich der Bewegung von Mikroplatten. Das Satellite Remote Sensing (Satelliten-Fernerkundung) liefert beeindruckende Bilder, die auch für umweltrelevante Fragestellungen und das Erarbeiten effektiver Maßnahmen von großer Bedeutung sind.

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