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Das Mittelmeer


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Das Pelagial bzw. Pelagos

Der Lebensraum des freien Wasserkörpers, das Pelagial, wird in eine neritische und eine ozeanische Provinz gegliedert. Die neritische Provinz umfasst die küstennahen Gewässer über dem Kontinentalschelf. Im Mittelmeer ist es mit einigen Ausnahmen eine eher schmale Zone. Die Grenzen der neritischen Zone sind auf der einen Seite durch das Festland, die terrestrischen Lebensräume festgelegt, auf der anderen Seite durch die Hochsee, die ozeanische Provinz. Zwei grundverschiedene Ökosysteme, das Land und die offene See, schließen somit diesen Bereich ein.

Zwei entscheidende ökologische Eigenschaften der neritischen Provinz sind die im Allgemeinen bis zum Meeresboden reichende regelmäßige Durchmischung der Wassermassen – wichtig für die Zufuhr von in Grundnähe angesammelten Nährstoffen für die Photosynthese bei Umwälzungen der Wassermassen – und die relativ geringe Meerestiefe, wodurch nahezu der gesamte Wasserkörper oder zumindest ein großer Teil davon oberhalb der kritischen Tiefe für die Photosynthese liegt. Die Produktivität der neritischen Provinz ist aus diesen Gründen allgemein höher als jene der ozeanischen.

Die ozeanische Provinz erstreckt sich als größter zusammenhängender Lebensraum der Biosphäre über den Kontinentalabhängen (continental slope) und Tiefseeböden (abyssal plain). Die hydrographischen und ökologischen Bedingungen des ozeanischen Pelagials sind in der Regel stabiler als in küstennahen Gewässern. Daher können in den Wechselbeziehungen zwischen Organismen höhere Komplexitätsstufen erreicht werden. Die Nahrungsketten können länger und wesentlich stärker vernetzt sein. Das ozeanische Pelagial ist infolgedessen artenreicher als das neritische.

Alle Wassermassen sind in ihrer vertikalen Ausdehnung von Lebewesen besiedelt, die Besiedelungsdichte und die Artenzahl nehmen aber mit größerer Tiefe deutlich ab. Seine Bewohner werden nach ihrer relativen Beweglichkeit in Bezug auf die vorherrschende Strömung in zwei Kategorien eingeteilt: Plankton und Nekton. Plankton wird landläufig mit „klein“ in Verbindung gebracht; die Größe allein ist aber nicht das entscheidende Kriterium. Zu den größten Planktonformen zählen die Schirmquallen (Scyphozoa, bis 2 m Durchmesser; die im Mittelmeer vorkommenden Arten sind jedoch wesentlich kleiner). Während Nektonorganismen ihren Standort aktiv verändern können, wozu eine bestimmte Körpergröße erforderlich ist, wird das Plankton im Wesentlichen passiv verdriftet. Dass es auch bei dieser Kategorisierung gewisse Einschränkungen gibt, wurde bereits betont.

Die oberste Wasserschicht bis in etwa 50 cm Tiefe wird gegenüber dem restlichen Plankton oft als Neuston abgegrenzt. Der äußerst dünne „Lebensraum“, der – wie das Weltmeer selbst – 70,8 Prozent der Erdoberfläche einnimmt und damit eine enorme Bedeutung hat, lässt sich hauptsächlich küstennah (z. B. in windgeschützten Buchten, Lagunen) von den etwas tiefer liegenden Schichten deutlich unterscheiden. In der ozeanischen Provinz muss die Grenze zu tieferen Wasserschichten nicht so deutlich ausfallen; aus diesem Bereich gibt es wenige aussagekräftige Untersuchungen. Das reichliche Nährstoffangebot, teils aus der Atmosphäre eingebracht, teils marinen Ursprungs, wird von Bakterien (Bacterioneuston), einzelligen Algen (Phytoneuston), Flagellaten, Ciliaten, Kleinkrebschen bzw. Krebslarven (Zooneuston: Copepoden, Amphipoden, Isopoden), Fischlarven (Ichthyoneuston; selbst Eier und Larven ausschließlich benthischer Fische wie der Plattfische, Pleuronectiformes, können sich durch den Auftrieb ihrer Dottersäcke in den obersten Wasserschichten in hoher Dichte ansammeln) und weiteren Kleinstorganismen genutzt. Es können sich eigene Nahrungsketten (z. B. Bakterien, Flagellaten, Ciliaten, Kleinkrebse, Fischlarven) entwickeln, allerdings sind die trophischen Zusammenhänge nur ungenügend bekannt und schwer zu untersuchen. Larvenstadien und Eier verschiedener Organismen bilden zeitweise einen großen Teil der Neuston-Biomasse. Das Neuston ist der individuenreichste „Lebensraum“ des gesamten Pelagials (bis zu 1.000-mal reicher als tiefere Schichten) . Man unterscheidet vielfach ein Epineusteon (auf dem Oberflächenhäutchen des Wassers) und das Hyponeuston (unter dem Oberflächenhäutchen lebende Organismen). Das Neuston ist stark dem Schadstoffeintrag aus der Atmosphäre ausgesetzt.

Nicht immer lässt sich die Schicht des Neustons in lehrbuchmäßiger Klarheit von den darunter liegenden Wasserschichten trennen. Die bei Untersuchungen verwendeten gängigen Fangmethoden mit feinsten Planktonnetzen, die oft einen Meter Tiefgang haben, ermöglichen keine Aussagen über die oberste Wasserschicht im Zentimeterbereich. Probenahmen von Pico-, Ultra- und Nanoplankton sind umständlich, da so kleine Organismen mit Netzen nicht mehr gewonnen werden können. Gerade das sind aber jene Größenkategorien, die im Neuston einen bedeutenden Anteil der Biomasse stellen.

Eine entscheidende Rolle in den obersten Wasserschichten spielen Bakterien. Sie können Teil des durch den Wind gebildeten Meerwasser-Aerosols werden und so über große Distanzen verfrachtet werden. Genaue quantitative Aussagen über Biomasse und Verteilung des Piconeustons (< 2 µm) sind bisher kaum möglich, da diese Fragen nur ungenügend untersucht sind. Vermutlich kann sich eine deutliche vertikale Zonierung, bei der ein spezielles Neuston vom übrigen Plankton unterschieden werden kann, vor allem bei Windstille und schwachem Wellengang ausbilden. Allerdings deuten manche Untersuchungen doch auf eine überraschende Stabilität des Neustons hin, und das selbst bei stärkeren Winden bis 6 Beaufort. Manche Organismen sowie ihre Eier und Larven treiben hydrostatisch auf der Oberfläche, andere können aufgrund einer positiven Phototaxis gezielt der obersten Wasserschicht entgegenstreben. Wenn die Turbulenzen in den oberen Wasserschichten schwächer werden, kann sich relativ schnell eine Neustonschicht ausbilden. Sowohl beim Phyto- als auch beim Zooneuston verschiedener Größenkategorien wurden in der Individuendichte und der Artenzusammensetzung Unterschiede zum übrigen Plankton festgestellt.

Das räumlich und ökologisch eng angrenzende Pleuston zieht Nutzen aus dem Reichtum der obersten Wasserschicht. Es ist von den größten Vertretern des Neustons, dem Epineuston (> 2 cm, Makroneuston), schwer zu trennen. Etwas artenreicher ist diese Lebensgemeinschaft vor allem dort, wo – wie im Atlantik – an der Oberfläche treibende pelagische Tange (Sargassum) für entsprechende räumliche Struktur sorgen. Im Mittelmeer ist das Pleuston artenarm, dafür treten aber die wenigen Arten oft in großen Massen auf. Segelquallen (Velella velella) können über Quadratkilometer ganze Meeresbereiche bedecken. Bei anlandigen Winden werden sie in großen Mengen an die Küsten getrieben. Zum Pleuston zählt das wohl giftigste Meerestier des Mediterrans, die Staatsqualle Physalia physalis (Portugiesische Galeere). Pleustonorganismen müssen resistent gegen die starke UV-Einstrahlung sein. Sie sind daher oft typisch blauviolett gefärbt.

Die meisten Vertreter des Nektons haben einen stromlinienförmigen Körper. Dieser konvergente Entwicklungstrend lässt sich in den unterschiedlichen systematischen Gruppen beobachten. Einige wenige Ausnahmen bestätigen die Regel: Der bis 3 m große Mondfisch (Mola mola) etwa fällt durch seine außergewöhnliche Körperform auf. Als langsamer, schlechter Schwimmer ernährt er sich in erster Linie von Quallen.

Die einzige bedeutende Invertebratengruppe des Nektons sind die Cephalopoden (Kopffüßer, Mollusca), die im Mittelmeer mit etwa 60 Arten vertreten sind. Im Nekton häufig sind vor allem die zehnarmigen Tintenschnecken; die wichtigste Gruppe unter ihnen sind die Kalmare (Teuthoidea). Die achtarmigen Octopoda sind im Nekton des Mittelmeeres hingegen mit nur wenigen

Arten wie Argonauta argo (Papierboot), Ocythoë tuberculata (Schmarotzerkrake) und Tremoctopus violaceus (Löcherkrake) vertreten. Dank ihrer effektiven Schwimmweise durch das Rückstoßprinzip – das ruckartige Ausstoßen des Atemwassers aus dem Mantelraum durch den Trichter – sind Cephalopoden ganz hervorrragende schnelle Schwimmer.

Unter den Wirbeltieren sind im Mittelmeer die Klassen Chondrichthyes (Knorpelfische) mit über 50 Arten von Haien und mehr als 30 Arten Rochen vertreten, darunter dem größten Fisch des Mittelmeeres, dem Riesenhai (Cetorhinus maximus). Die Knochenfische (Osteichthyes) sind mit etwa 600 Arten vertreten, die Reptilien (Reptilia) mit 5 Arten Meeresschildkröten und die Delfine und Wale (Mammalia, Cetacea) mit ungefähr 20 Arten. Die Zahlen sind relativ hoch, doch werden manche dieser Arten im Mittelmeer äußerst selten gesichtet. Außerdem geben diese Zahlen den Gesamtumfang der jeweiligen Klasse im Mittelmeer an, umfassen also auch ausschließlich benthische und demerse Spezies, die nicht zum Nekton zählen. Die größten Nektonorganismen überhaupt sind die im Mittelmeer äußerst selten beobachteten Blauwale, Balaneoptera musculus. Sie können über 30 Meter lang werden und 160 Tonnen wiegen.

Die vom Aussterben bedrohte Mönchsrobbe Monachus monachus (Pinnipedia), als einziger Vertreter der Robben im Mittelmeer, lebt küstenbezogen heute nur noch an wenigen geschützten Stellen und kann kaum zum Nekton gezählt werden. Manche Vögel, die wie Kormorane ihre Nahrung tauchend aus dem Meer holen, können, wenn man so will, als gelegentliche Besucher Teil des Nektons werden. Das ist allerdings einer der bereits genannten Grenzfälle der bis zu einem gewissen Grad künstlichen Kategorisierung.

das_mittelmeer/lebensraeume/das_pelagial_bzw._pelagos.txt · Zuletzt geändert: 2015/09/02 15:18 von jakob