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Das Mittelmeer


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Gliederung mariner Lebensräume

Ein Gesamtökosystem ist durch komplexe Wechselwirkungen zwischen abiotischen Umweltfaktoren und Mikroorganismen, Pflanzen und Tieren geprägt. Die physikalischen Faktoren wirken in unterschiedlicher Weise auf Pflanzen und Tiere und stellen die gestaltenden Kräfte der Lebensräume, Habitate oder Fazies dar.

Die Organismen selbst gestalten, prägen und verändern diese Lebensräume entscheidend mit, zum Teil sind die Lebensräume erst durch sie entstanden (Phytal, Seegraswiesen, sekundäre Hartböden biogenen Ursprungs, Coralligène).

Die entscheidende Rolle, die Mikroorganismen, Viren und vielleicht sogar Prionen für das globale ökologische Geschehen spielen, ist schwer zu erfassen und nicht ausreichend untersucht. Sie wurde in Darstellungen der Meere daher bisher eher vernachlässigt. Sicher ist, dass Mikroorganismen einschließlich der Mikroalgen nicht nur eine entscheidende Rolle für das Ökosystem Meer spielen, sondern auch für noch weiträumigere Einheiten und das globale Klima von größter Bedeutung sind.

Das Mittelmeer weist einige ozeanographische Eigenheiten auf. Seine Wasserbilanz ist für Nebenmeere mit relativ wenig Niederschlag charakteristisch – sie fällt negativ aus. Der Einstrom relativ salzarmen (36,2 ‰) Atlantikwassers durch die Straße von Gibraltar, der sich, durch Strömungen verdriftet, bis in das östliche Mittelmeerbecken bemerkbar macht, der gleichzeitige Ausstrom schweren, salzhaltigen (38,4 ‰) und nährstoffreichen Tiefenwassers in den Atlantik und die zum Teil daraus resultierende relative Nährstoffarmut des Mittelmeeres, ferner die konstant hohe Wassertemperatur um die 13 °C selbst an seinen tiefsten Stellen und die Artenarmut der echten Tiefseefauna sind einige seiner Charakteristika. Sie werden durch die besondere, vom Weltmeer abgeschlossene Lage, den Wasseraustausch mit dem Atlantischen Ozean und die hohe Verdunstungsrate im Mittelmeer (das Oberflächenwasser ist im Durchschnitt etwa 5 °C wärmer, als in dieser geographischen Lage zu erwarten wäre) bedingt. Ein markantes Merkmal, das sich auf die Ausprägung der Lebensräume des Supralitorals und des Mediolitorals auswirkt, ist der geringe Tidenhub (Gezeiten). Eine ausgedehnte Gezeitenzone fehlt daher an den meisten Küsten des Mittelmeeres.

Die Gliederung des Meeres nach unterschiedlichen Gesichtspunkten in Untereinheiten hilft uns, das Gesamtsystem verstehen zu lernen. Zwischen Landlebensräumen und dem Lebensraum Meer bestehen zahlreiche grundlegende Unterschiede. Sie gehen auf physikalische Eigenschaften des Mediums Luft und des Mediums Wasser zurück. In marinen Ökosystemen können Abgrenzungen vielfach nicht scharf aufgefasst werden, und sie sind nicht frei von Widersprüchen. Selbst hochspezialisierte Lebensgemeinschaften in definierten Lebensräumen wie etwa im Sandlückenraum können nicht als eine von anderen Teilbereichen des Meeres isolierte Einheit aufgefasst werden. Sie sind von der Wasserbewegung abhängig, die den Sandlückenraum mit sauerstoffreichem Wasser und suspendierter Nahrung versorgt. Diese Nahrung wird unter Umständen weit von ihrem „Bestimmungsort“ entfernt produziert. Dasselbe trifft auf Seegraswiesen und praktisch alle anderen spezifischen Lebensräume zu.

Die große Vielfalt festgewachsener Tiere ist für marine Lebensräume charakteristisch, ein entsprechender tierischer Aufwuchs fehlt in terrestrischen Ökosystemen. Der Aufwuchs wird in diesem Kapitel noch ausführlich behandelt. Für dieses marine Phänomen hat die englischsprachige Meereskunde den deutschen Terminus übernommen und – in der Naturwissenschaft selten genug – keinen eigenen geprägt: „the Aufwuchs“.

Es drängt sich die Frage auf, warum diese in terrestrischen Lebensräumen kaum vorhandene festsitzende Lebensweise bei Tieren im Meer dermaßen dominiert. Die hohe Diversität festgewachsener Tiere im Wasser hängt mit den physikalischen Eigenschaften des Elements zusammen, in dem sie leben. Das in der Strömung driftende Plankton kann es in seiner ganzen Vielfalt nur im Wasser geben (obwohl man auch vom „Luftplankton“ in der Atmosphäre spricht). Wasser ist dicht und erzeugt Auftrieb, die Wirkung der Schwerkraft wird für viele dafür adaptierte Lebewesen (Plankton) und ausreichend kleine organische Partikel (Debris, Detritus; nach Wildish und Krismanson, 1997, wird all das als Seston zusammengefasst) nahezu aufgehoben. Dieses Geschwebe, das Angebot an gelösten und partikulären organischen Stoffen, wird im und mit dem Meerwasser durch Strömungen über weite Strecken verdriftet. Sesshafte Tiere können es sich energetisch leisten, an einer Stelle festgewachsen zu sein – unter der Voraussetzung, dass sie wirkungsvolle Methoden entwickeln, wie selbst kleinste Nahrungspartikel effektiv aus dem Wasser herausgesiebt und angereichert werden können.

Da Produzenten, Konsumenten und Destruenten als Grundelemente von Ökosystemen im Meer räumlich vielfach weit voneinander entfernt sind, ist der ständige Import und Export von partikulären und gelösten Stoffen ein Grundprinzip mariner Ökologie. Ohne Hydrodynamik, die verschiedenen horizontalen und vertikalen Wasserbewegungen, könnte in einem Großteil des Meeres kein Leben existieren – zumindest nicht in jener Fülle und Diversität, wie wir sie kennen.

Der Ort der Primärproduktion ist nur teilweise mit dem Ort, Lebensraum oder der Fazies identisch, wo die produzierte Biomasse verwertet bzw. konsumiert wird. Der Ort der Konsumtion ist wiederum nicht unbedingt und nur selten zur Gänze mit jenem identisch, an dem Destruenten für die Zersetzung der organischen Reste und damit Remineralisierung sorgen, wodurch wichtige Nährstoffe erneut in den ökologischen Zyklus eingebracht werden. Im Ökosystem Wald etwa werden die Zersetzung von Laub auf dem Waldboden und die Aufnahme der Stoffe durch das Wurzelwerk eben jener Bäume, die das Laub produziert haben, eher kleinräumig abgewickelt. Marine Kreisläufe sind wesentlich weiträumiger. Wasser transportiert sowohl kleine Organismen (Plankton) als auch partikuläre (POM, Debris und Detritus) und gelöste (DOM) organische Stoffe wie auch anorganisches Material über weite Strecken. Entscheidende Wechselwirkungen zwischen angrenzenden und zum Teil auch sehr weit voneinander entfernten Lebensräumen sind die Folge. Ökologisch und wirtschaftlich bedeutende Bereiche des Meeres mit hoher Produktivität profitieren davon (Auftriebsgebiete, upwelling; thermohaline Konvektion).

Organismen, ihre Reproduktions- und Entwicklungsstadien (Gameten, Sporen, Eier, Larven) sowie organische und anorganische partikuläre oder gelöste Stoffe werden durch horizontale und vertikale Wasserbewegungen verfrachtet oder sinken durch die Gravitation langsam in tiefere Schichten des Meeres ab. „Lebensraumgrenzen“ werden dadurch ständig überschritten. Zu einer weiteren grenzüberschreitenden Wechselwirkung kommt es durch den Lebenszyklus bzw. den Reproduktionsmodus mariner Tiere. Ihre Entwicklungsstadien, die Larven, haben vielfach keinerlei Ähnlichkeit mit dem Adultorganismus; das trifft auf das Aussehen (Habitus) ebenso zu wie auf die Physiologie, Ökologie und Lebensweise einschließlich der Ernährung und den Lebensraum. Larven sind oft Teil des Planktons, die Adultorganismen hingegen sessile, hemisessile oder vagile Benthosbewohner.

Ein gutes Beispiel dafür sind die Seescheiden (Ascidien, Tunicata), die wie die Wirbeltiere zu den Chordaten zählen. Für tauchende Nichtzoologen sorgt die systematische Zugehörigkeit der Seescheiden für eine Überraschung, denn kaum etwas am Äußeren einer adulten Seescheide lässt auf diese Verwandtschaft schließen. Ihre freischwimmenden Larven sind mit einer Chorda dorsalis ausgestattet, die Adulten hingegen sind festsitzende Filtrierer. Marine Organismen können so in bestimmten Phasen ihrer Lebenszyklen Bestandteile unterschiedlicher Reiche sein und zwischen Plankton und Nekton oder zwischen Benthos und Pelagos wechseln. Planktontische Organismen können äußerst skurrile Formen entwickeln, die der Gravitation und damit dem Absinken in die Tiefe entgegenwirken.

Die Zuordnung zum Plankton oder Nekton ist nicht immer eindeutig. Manche Scyphozoen (Schirmquallen) driften zwar meist mit dem Wasser, können sich aber gegen schwächere Strömungen durchaus selbst fortbewegen. Das Gleiche trifft auf weitere größere Vertreter des Zooplanktons zu, etwa einige Crustaceen. Manche kleineren, pelagischen Cephalopoden lassen sich hingegen – obwohl sie zu größeren Ortsveränderungen befähigt sind – durch Strömungen verdriften.

Viele Vertreter der demersen, bodennahe lebenden Vagilfauna, die sich ihren Aufenthaltsort aussuchen können, lassen sich nicht einem einzelnen Lebensraum zuordnen. Der Schriftbarsch (Serranus scriba) ist ein ebenso typischer Bewohner litoraler Hartbodenlebensräume wie einer von Posidonia-Wiesen. Zahlreiche sessile Arten besiedeln mehrere auf den ersten Blick recht unterschiedlich aussehende Lebensräume. Bei näherer Betrachtung werden hier in bestimmten Bereichen der Habitate ähnliche ökologische Bedingungen erkennbar (Beispiel: sciaphiler Aufwuchs in der Rhizomschicht von Posidonia, auf beschattetem Hartboden oder auf der Unterseite von Felsblöcken). Auf der anderen Seite gibt es in allen Lebensräumen auch hochgradige Spezialisten.

das_mittelmeer/lebensraeume/gliederung_mariner_lebensraeume.txt · Zuletzt geändert: 2015/08/26 11:43 von jakob