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Das Mittelmeer


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Ausgewählte Problemkreise

Bis heute hat der Mediterran nicht viel von seiner faszinierenden Wirkung auf den Besucher und nur wenig von seiner wirtschaftlichen Ertragfähigkeit eingebüßt. Allerdings ist das Mittelmeer eines der am stärksten belasteten und bedrohten Meere der Welt. Einige der dafür verantwortlichen Faktoren sind die bis auf zwei natürliche Meerengen völlig abgeschlossene Lage, die enorme Länge der Küstenlinie wie die starke Verzahnung mit dem zum Teil kräftig urbanisierten und agrarisch genutzten Land, der aride Charakter des Konzentrationsbeckens Mittelmeer, die Veränderungen der Küstenzonen und des Meerwassers selbst, die Ausbeutung der Energiereserven und des Fischbestands, die vielfältigen Probleme, die durch den Tourismus entstehen, die Schifffahrt und deren Risiken, die Einleitung industrieller wie kommunaler Abwässer und zahlreiche weitere.

Eine so große Region zeichnet sich durch örtliche Unterschiede sowohl in den natürlichen Bedingungen als auch in den Umweltproblemen aus. Probleme, die lokal oder regional katastrophale Ausmaße annehmen, erscheinen anderswo völlig unbedeutend. Eine länderübergreifende Bewertung zeigt in diesen Fällen immer nur ein theoretisches Bild, das für keinen Ort des Mittelmeeres die Situation richtig beschreibt. Der Einfluss des Menschen auf diese dicht besiedelte Region ist sehr vielgestaltig; die Störungen sind in komplexer Weise miteinander verknüpft.

Vier ausgewählte Themenbereiche – die Eutrophierung, die Ölbelastung, die Verunreinigung durch giftige chemische Verbindungen sowie der Verlust an Lebensraum durch den Tourismus – sollen diese Belastungen dokumentieren. Sie sind leider keinesfalls die einzigen; viele weitere wie etwa die Küstenerosion, Probleme des Wassermangels und der Wasserversorgung (vgl. Kapitel „Geographie und Klima”), Klimaänderungen durch den Treibhauseffekt und deren Auswirkungen (etwa globaler Anstieg des Meeresspiegels), Atommüll, Rückgang der Biodiversität, mikrobielle Kontaminierung von Fischen und Meeresfrüchten und viele andere können aus Platzgründen nicht näher erläutert werden. Die Problematik der ungeklärten Abwässer und der Eutrophierung von Küstengewässern wird auch wegen ihrer Auswirkungen auf den Tourismus kurz angeschnitten.

Seit 1975 verstärken die Anrainerstaaten des Mittelmeeres mit Unterstützung von EU und UNEP (United Nations Environmental Program) ihre Bemühungen, den marinen Lebensraum und die Küstenlandschaften zu schützen und für die Zukunft zu erhalten. Konkrete politische, rechtliche und technische Ziele wurden seitdem bei zahlreichen internationalen Treffen formuliert (z. B. Barcelona-Konvention: Barcelona 1976, Athen 1980, Genf 1982, Madrid 1994, Izmir 1996). Eine kaum noch zu überblickende Zahl an Programmen, Organisationen/Teilorganisationen und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) sind heute in diese Bemühungen involviert: MAP (Mediterranean Action Plan), EEA (European Environment Agency), ETC/MCE (European Topic Centre on the Marine and Coastal Environment), MEDPOL (Mediterranean Pollution Programme) sowie Programme und Teilorganisationen der FAO (Food and Agriculture Organisation) und NGOs wie Greenpeace, WWF (Worldwide Fund for Nature) und viele andere.

Insgesamt sind mehr als 200 Organisationen und Institutionen in das Blue Plan-Programm involviert. Das Ziel: die Wasser- und Luftbelastung besser zu verstehen, durch Monitoring zu erfassen und Konzepte zur dauerhaften ökologischen Sicherung des Mittelmeeres zu suchen. Zahlreiche kleinere NGOs nehmen sich bestimmter Tiergruppen wie Haie, Meeresschildkröten und Meeressäuger an. Zum Themenkreis Umwelt wurden und werden unzählige Publikationen veröffentlicht (siehe Literaturverzeichnis), die größtenteils auch im Internet abrufbar sind.

Die EU fördert durch die Freigabe von Krediten (METAP I, II: Mediterranean Environmental Technical Assistance Program) auch Forschung und Projekte außerhalb der EU (Südosteuropa, Naher Osten, Nordafrika). Mit dem MEDA I- und SMAPProgramm (Short- and Medium-Term Priority Environmental Action Program) hat sich die EU auch eines der größten Probleme der Region – vor allem im östlichen und südlichen Teil –, des Wassermangels und der Abwasserentsorgung angenommen. Durch den Bau von Meerwasserentsalzungsanlagen soll der künftige Bedarf an Trink- und Brauchwasser gesichert werden.

Es ist kein Geheimnis, dass es einfacher ist, Beschlüsse zu fassen, als Beschlüsse, Vorhaben und Gesetze durchzusetzen. Trotz aller Bemühungen und erreichter Teilerfolge bleibt das Mittelmeer extrem starken Belastungen ausgesetzt. Einen ausgewogenen Mittelweg zu finden zwischen Nutzung und Schutz, ohne dass dem Ökosystem Meer und den hier lebenden Organismen irreparable Schäden zugefügt werden, wird die Aufgabe der internationalen Bemühungen sein. Lobenswerte regionale Initiativen können das Gesamtsystem nicht retten, denn auch die bestgemeinten Bemühungen an einem Ort können durch unverantwortliches oder kriminelles Handeln an einem anderen zunichte gemacht werden – der Transport durch Strömungen ist eine Grundeigenschaft des Meeres.

Wegen der Unterschiede in Interesse und Wissen bewerten die einzelnen Staaten die Umweltsituation unterschiedlich – vor allem ab wann Handlungsdarf besteht, um ökologische Katastrophen zu verhindern. Seit 1975 befasst sich die Europäische Union intensiver mit systematischen Untersuchungsprogrammen zum Belastungszustand der Meeresgebiete in den Anrainerstaaten. Doch die Beauftragten sehen sich immer wieder mit den unterschiedlichen politischen Positionen der einzelnen Länder konfrontiert und verlieren kostbare Zeit mit der Bewältigung administrativer Hürden. Dabei sind Maßnahmen zum Schutz des Mittelmeeres äußerst dringlich.

Die Anrainerstaaten nutzen das Meer nicht nur unterschiedlich, sie zeigen auch unterschiedlich starkes wissenschaftliches Interesse für den Zustand des Meeres vor ihrer Küste. Viele Untersuchungen, obwohl thematisch ganz ähnlich, können untereinander kaum verglichen werden, denn bis heute werden in vielen Ländern unterschiedliche Mess-, Untersuchungs- und Monitoringmethoden eingesetzt.

Leider wird auch von einem großen Teil der Touristen zu wenig Druck auf die Tourismuswirtschaft ausgeübt. Das Ausbleiben von Gästen, wie Ende der achtziger Jahre in Italien geschehen, wäre wohl die stärkste und wirksamste Waffe, um Umweltmaßnahmen durchzusetzen. Die Verantwortung liegt somit nicht ausschließlich bei den Entscheidungsträgern in Politik, Wirtschaft und Verwaltung, sondern auch beim Konsumenten – eine Verantwortung, die bislang viel zu wenig und viel zu selten wahrgenommen wird. Es gibt beispielsweise bereits mehr als genug Hotels und Fremdenverkehrsanlagen; kein Erholungsuchender müsste ausgerechnet jene neu errichteten Anlagen durch seinen Aufenthalt unterstützen, denen die letzten Dünengebiete oder gar Schildkrötenstrände zum Opfer gefallen sind.

das_mittelmeer/oekologische_situation/ausgewaehlte_problemkreise.txt · Zuletzt geändert: 2015/09/02 10:41 von jakob