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Das Mittelmeer


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Flüsse als Abwasserleitungen

Etwa 80 Flüsse tragen zur ständigen und massiven Verschmutzung des Mittelmeeres bei. Teilweise trocknen sie über die Sommermonate vollständig aus, tragen aber dafür in den Wintermonaten riesige Fluten und Sedimentfrachten ins Meer. Andere Flüsse sind ganzjährig wasserführend. Der je nach Saison wechselnde Wasserstand führt zu unterschiedlich starker Belastung einzelner Gebiete, was einen Vergleich schwierig macht. Nur wenige mediterrane Flüsse werden regelmäßig auf ihren Schadstoffgehalt untersucht. Ein Monitoring wird durch das Wasserregime (Jahresgang der Niederschläge, periodische oder episodische Wasserführung der Flüsse) und die in der Sedimentfracht gebundene Schadstoffmenge erschwert; giftige Schwermetalle sind nicht gelöst im Wasser nachweisbar, sondern als Teil des Sediments getarnt. Teilweise wurden die Sedimentfrachten durch Staumaßnahmen um 70 Prozent reduziert, was aber nicht bedeutet, dass die Schadstoffe letztlich nicht doch das Meer erreichen.

So kommt die UNEP/MAP in einer 1997 veröffentlichten Studie über die Belastung europäischer Flüsse zu dem Ergebnis, dass die Flüsse des westlichen Europa viermal höher mit Schwermetallen belastet seien als die der Mittelmeerregion. Doch weisen die Experten auch darauf hin, dass sich in den Sedimentfrachten mediterraner Flüsse 80 - –99 Prozent jener Schwermetalle finden, die zwar nicht im Wasser nachgewiesen werden können, aber dennoch das Meer vergiften.

Nur für die großen Flüsse der Mittelmeerregion liegen Daten vor. In Ebro, Rhône und Po wurden hochgiftige Polychlorierte Biphenyle (PCBs) und Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe (PAKs) nachgewiesen. Mehrere Untersuchungen kleinerer Flüsse zeigten hohe Pestizidbelastungen (> 1 mg/l). In manchen südlichen Ländern wiesen die Flüsse enorme bakterielle Belastungen auf (Konzentrationen > 100.000 koliforme Bakterien/ 100 ml). Allein aus den Küstenstädten gelangen jedes Jahr 3.067,11 Millionen Kubikmeter ungereinigtes und 2.830,23 Millionen Kubikmeter mehr oder weniger geklärtes Abwasser direkt ins Mittelmeer. Viele Kläranlagen arbeiten nur mit zwei, manche sogar nur mit einer Reinigungsstufe. Durch die wachsende Wasserentnahme und Staumaßnahmen entlang der Flüsse verringerte sich die Wasserzufuhr zum Mittelmeer. So hat der Nil heute eine um ca. 90 Prozent verringerte Abflussrate; viele andere Flüsse, beispielsweise die Rhône, führen um 20– - 30 Prozent weniger Wasser. Die Konzentration toxischer Stoffe in den Flüssen steigt, die giftige Fracht wird konzentrierter ins Meer gespült. Selbst Bereiche um Zypern, in der Straße von Gibraltar und im südwestlichen Ägäischen Meer sind davon betroffen.

Die Vergiftung der Flüsse wird am Beispiel des seit 30 Jahren von Warnschildern und Industriebetrieben gesäumten Kishon in Israel auf besonders tragische Weise verdeutlicht. Das als Gesundheitsrisiko bekannte Fließgewässer transportiert neben den giftigen Abwässern der Raffinerien und Chemiewerke auch die Abwässer der gesamten Stadt in die Bucht von Haifa. Eliteeinheiten der israelischen Marine haben lange in den trüben Fluten geübt – mit fatalen Folgen: Von den rund 700 Kampftauchern sind 60 erkrankt; fast alle haben Krebs, zwölf Männer im Alter zwischen 35 und 50 sind bereits gestorben. Bisher hat keiner der erkrankten Marinetaucher vom Militär finanzielle Unterstützung für die teuren Therapien bekommen. Immerhin mussten sich die Befehlshaber einer öffentlichen Untersuchung stellen, kurz darauf untersagten sie das Training der Taucher im Kishon-Fluss.

Die israelische Regierung bekundete in der Vergangenheit eher geringes Interesse am Umweltschutz, was sich an einem Beispiel aus den letzten Jahren zeigt: Als einziges Land unterzeichnete Israel nicht die London Dumping Convention von 1992. Diese Vereinbarung verbietet weltweit das Verklappen von Giftmüll. Noch 1998 pumpte aber Haifa Chemicals – ein Betrieb, der vor allem Kunstdünger herstellt – täglich ein säurehaltiges, giftiges Gemisch aus Quecksilber, Blei, Cadmium, Arsen und Chrom 24 Seemeilen vor der Küste ins Mittelmeer. Jährlich 60.000 Tonnen der gefährlichen Mixtur wurden so mit der Strömung an die libanesische, syrische, zypriotische und türkische Küste verdriftet.

Auch heute noch zeigen Analysen des Wassers aus dem Kishon hohe Konzentrationen an Schwermetallen und anderen krebserregenden Stoffen wie Cadmium, Benzol und Toluol. Da erscheint der Lösungsvorschlag des israelischen Umweltministeriums irrwitzig: Es schlägt vor, eine viereinhalb Kilometer lange Abwasserpipeline zu bauen, über die die giftigen Abwässer der Industriebetriebe direkt ins Meer gepumpt werden können. Doch der Protest von Elitekämpfern und Umweltschützern zeitigt langsam Wirkung: Alle Industriebetriebe am Kishon sollen bald über betriebseigene Kläranlagen verfügen.

das_mittelmeer/oekologische_situation/fluesse_als_abwasserleitungen.txt · Zuletzt geändert: 2015/09/04 13:05 von jakob