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Das Mittelmeer


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Die Fischerei im Mittelmeer

Das Mittelmeer bildet bei all diesen unerfreulichen Überlegungen keine Ausnahme, im Gegenteil, gehört es doch zu den am stärksten ausgebeuteten Fischereigebieten der Welt. Nahezu alle wirtschaftlich nutzbaren Fischbestände sowie Meeresfrüchte werden bis zur Belastungsgrenze und darüber hinaus befischt. Diese Übernutzung, gepaart mit der Beeinträchtigung von Lebensräumen, bedroht zunehmend die marine Artengemeinschaft. Viele der wichtigsten Fischarten können dem Druck nicht weiter standhalten. Insbesondere gilt dies für Arten mit geringer Fortpflanzungsrate wie Haie und Rochen, die mittlerweile zu den vom Aussterben bedrohten Tieren gehören.

Das Mittelmeer ist zwar artenreich, doch stellen die einzelnen Arten im Allgemeinen eher geringe Biomassen. Viele wirtschaftlich wichtige Spezies kommen in Küstennähe, in den oberen 50 Metern der Wassersäule vor. Solche Schelfregionen sind im Mittelmeer meist schmal, die Kante zu den tiefen Meeresbecken, der Kontinentalrand, liegt oft in Sichtweite der Küste. Auf diesem schmalen neritischen Meeresstreifen spielt sich ein Großteil der Fischerei ab.

Italien, Spanien, Frankreich und Griechenland stellen mit 89 Prozent aller Fischereischiffe im Mittelmeer die größten Fischereiflotten. Allein 1998 landeten sie 960.000 Tonnen Fisch und Meeresfrüchte an, mehr als die Hälfte der 1,7 Millionen Tonnen, die im Mittelmeer gefangen wurden. Zum Vergleich: 1960 lag der Ertrag der Mittelmeerflotte noch bei weniger als 800.000 Tonnen. In den dazwischenliegenden Jahren hat sich die Fischerei von kleinen, arbeitsintensiven Schiffen weg und zu großen, kapitalintensiven Schiffen hin entwickelt, wie große Trawler und flexibel einsetzbare Schiffe. Der technische Standard der industriellen EU-Flotten ist sehr hoch, so dass seit Beginn der industriellen Fischerei auch die erbeutete Fischmenge pro Schiff gestiegen ist. Zwar haben sich die Fischereimethoden selbst kaum geändert, doch durch immer effizientere Ortungsmethoden wie hochmoderne Sonare, den Einsatz von Hubschraubern zur Auffindung von Fischschwärmen, stärkere Motoren, verbesserte Kühltechnik an Bord und damit höhere Aufnahmekapazität der Schiffe ist die Fangmenge stets weiter angewachsen. Die Fischbestände sind dementsprechend geschrumpft.

Es werden nach wie vor zu viele Jungfische, die sich noch kein einziges Mal fortgepflanzt haben, gefangen, und die wenigen adulten Tiere können kaum den Bestand erhalten. Die von der EU festgesetzten Mindestgrößen für die befischten Arten sind nicht geeignet, das Problem zu lösen. Effektiver wäre es, die wenig selektiven Fangmethoden wie Schleppnetze zu beschränken.

Doch nicht nur die gezielt befischten Arten sind Opfer des hohen Fischereiaufwands. So genannte Nichtzielarten wie andere Fische, wirbellose Benthosbewohner, Meeressäuger, Haie, Seevögel und Schildkröten verenden als ungewollter Beifang zu Tausenden in den Netzen. Vor allem Schleppnetze, aber auch kilometerlange Treibnetze erbringen riesige Mengen dieser für die Fischer wirtschaftlich uninteressanten Fänge (bis zu 80, bei Grundschleppnetzen 90 Prozent eines Hols). Erhebliche Schäden entstehen auch durch das so genannte ghost fishing: Abgerissene oder gekappte Netze treiben im Meer und „fischen“ ohne jeden Nutzen sinnlos weiter.

Offensichtlich ist die Beeinträchtigung geschützter Arten wie Wale, Delfine und Meeresschildkröten durch die Fischerei. Sie verenden als unbeabsichtigte Beifänge in den Fischernetzen und konkurrieren nach Ansicht der Fischer direkt mit der Fischerei um Nahrungsressourcen wie Anchovis und Kalmare. Die Hauptursache für die Mortalität von Meeresschildkröten sind Treibnetze, pelagische Langleinen, Plastik und anderer herumtreibender Müll, den die Schildkröten nicht als solchen identifizieren, sondern für Quallen halten, fressen und qualvoll daran sterben.

Die Fischerei beeinflusst die marine Biodiversität zum einen durch das lokale Verschwinden einiger Arten, zum anderen durch das Zerstören ganzer Habitate. Neben den sichtbaren direkten Auswirkungen der Fischerei kommt es zu schleichenden ökologischen Veränderungen. So ist beispielsweise der Lebensraum der Posidoniawiesen von dieser Fischerei besonders betroffen. Durch die Entnahme großer Mengen einzelner Arten wird das trophische Gefüge, die Nahrungsnetze, deutlich verändert.

Wie belastbar dieses System ist, ohne den Zusammenbruch des gesamten Ökosystems Mittelmeer zu riskieren, ist selbst für Experten kaum zu quantifizieren. Auch der Einfluss, den die Fischerei durch die Entnahme der jeweils größten Fische auf die genetische Variabilität der Population hat – eine für jede Art überlebenswichtige Größe –, ist weitestgehend unbekannt. Die artenreiche, komplexe Gemeinschaft auf den Hartböden des Mittelmeeres wird durch die Fischerei ebenso gefährdet wie die Weichsubstrate, Sand- und Schlickböden, die nur wenigen spezialisierten Arten Lebensraum bieten. Der Einsatz von Dredschen* und Grundschleppnetzen schädigt nachhaltig das Benthos. Durch die Grundfischerei wird die Endofauna gestört, die Sedimentstruktur und damit der Wasseraustausch verändert. Vor allem in Gebieten, deren Böden durch giftige Einleitungen und Ablagerungen kontaminiert wurden, hat der Einsatz von geschlepptem Fischereigerät fatale Folgen: Immer wieder werden die giftigen Schlämme aufgewirbelt und über größere Gebiete verteilt.

das_mittelmeer/ueberfischung/die_fischerei_im_mittelmeer.txt · Zuletzt geändert: 2015/09/01 16:36 von jakob