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Das Mittelmeer


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Wege zu einer nachhaltigen Fischerei

Der Großteil der Fischerei im Mittelmeer wird von den Staaten betrieben, die zur Europäischen Union gehören. Bei der Ausbeutung kleiner pelagischer und bodennaher Fischpopulationen gibt es kaum Länderkonflikte, da diese Bestände meist nur von der lokalen Fischerei genutzt werden. Die Fischerei auf große pelagische Fischarten hingegen ist international und führt oft zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den beteiligten Ländern. Ziel der gemeinsamen Fischereipolitik der EU für das Mittelmeer ist es, ein Gleichgewicht zwischen Fischereikapazität und verfügbaren Ressourcen für die EU-Mitgliedsstaaten herzustellen. Hintergrund dieses Bestrebens ist die Erkenntnis, dass ein Management der Ressourcen durch Fangquoten wie im Atlantik und in der Nordsee für die Mehrartenfischerei im Mittelmeer nicht geeignet ist. Aufgrund der geringen Größe des Mittelmeeres haben die Anrainerstaaten keinen Anspruch auf eine Wirtschaftszone von 200 Seemeilen (1 nautische Meile = 1.853,18 Meter) erhoben, sondern die territorialen Gewässer erstrecken sich bei fast allen Mittelmeeranrainerstaaten über 12 Seemeilen; lediglich die Türkei und Griechenland beanspruchen 6 Seemeilen, Syrien 35 Seemeilen. Daher versucht die EU in Zusammenarbeit mit dem General Fisheries Council for the Mediterranean (GFCM) einen Konsens mit Nicht-EU-Staaten bezüglich des Managements der Fischerei im Mittelmeer zu finden.

Die Folgen der Überfischung sind längst bekannt, doch erst jetzt werden zögerlich Maßnahmen ergriffen. So sind ab dem 1. Januar 2002 Treibnetze z. B. zum Fang von Tun- und Schwertfischen für die EU-Fischereinationen verboten.

Bis zu diesem Zeitpunkt sollen die einzelnen europäischen Länder ihre Treibnetzflotte um 40 Prozent reduzieren – ein Schritt auf dem langen Weg zu einer nachhaltigen und damit umweltverträglichen Fischerei. Im Jahr 2000 stellte die Europäische Kommission fest, dass ihre gemeinsame Fischereipolitik das angestrebte Ziel einer nachhaltigen Fischerei nicht erreicht hat und gescheitert ist. Im Reformprozess bis Ende 2003 wird sich zeigen, inwieweit aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt wurde. Die Integration der Umweltfragen in die Fischereipolitik ist von zentraler Bedeutung, eine Wende mehr als überfällig. Die Reduzierung der Fischerei ist eine wichtige Voraussetzung für den Wandel, damit sich die Fischbestände erholen können. Die Befischung sollte die Fähigkeit einer Art nicht gefährden, natürlichen oder vom Menschen verursachten Veränderungen der Umwelt zu widerstehen. Sie darf sich auch nicht negativ auf die Erholung bedrohter oder gefährdeter Arten auswirken. Eine zukunftsfähige Fischerei sollte auf Verschwendung verzichten. So ist langfristig jeglicher Beifang zu vermeiden. Die Dezimierung von Fressfeinden der Speisefische mit dem Ziel, die Bestände größer zu halten, ebenso wie das Düngen mariner Ökosysteme sind unsinnig und müssen abgeschafft werden. Das absichtliche Freisetzen oder unbeabsichtigte Verbreiten von Fremdarten oder genetisch veränderten Organismen ist zu verhindern.

Viele der hier angeführten Punkte – was getan und was vermieden werden sollte – klingen utopisch und sind in einer Zeit intensiver Globalisierungsdiskussionen zweifellos schwer umzusetzen. Kurzfristig bedeuten große Umstellungen einen enormen finanziellen Aufwand und wirtschaftliche Einbußen. Fragt sich jedoch, was die Alternative zu solchen Schritten wäre? Wenn sich nichts ändert, wird der Einbruch etwas später eintreten – mit umso dramatischeren Folgen. Generell soll die gesamte Fischproduktion umweltfreundlich gestaltet werden. Die zentrale Position nimmt hierbei der so genannte Vorsorgeansatz ein. Um sicherzustellen, dass menschliche Aktivitäten weder die Meere und Flussmündungen noch deren biologische Vielfalt schädigen, sollten Umweltverträglichkeitsprüfungen stattfinden. Der Vorsorgeansatz, der kontinuierlich auch bei reichem Fischvorkommen angewandt werden müsste, soll sicherstellen, dass die Fischerei die Meeresbewohner und marinen Ökosysteme nicht wesentlich oder gar irreparabel verändert. Mit sinkender Zuverlässigkeit der wissenschaftlichen Daten sollte die Vorsorge zunehmen, das heißt die Fischerei abnehmen. Vorsorge schließt auch ein, die Auswirkungen der Fischerei auf das Ökosystem als Ganzes zu untersuchen, nicht nur auf die Zielfischart. Bevor neue Fischereimethoden und Fanggeräte eingeführt werden, müssen sie auf ihre Umweltverträglichkeit geprüft werden. Die Meeresnutzer müssen beweisen, dass die Nutzung nicht das Meeresökosystem schädigt.

Die zerstörerische industrielle Fischerei mit ihren meist großflächigen und kapitalintensiven Methoden sollte zu einer kleinräumigen, arbeitsintensiven und auf kommunaler Basis funktionierenden Praxis hin verändert werden. Die Bedürfnisse der Fischer in puncto Nahrungserwerb und Unterhalt sollten vorrangig berücksichtigt werden, insbesondere in solchen Gemeinden, die traditionell von lokalen Fischvorkommen abhängen. Fischereirechte sollen mit den kulturellen Praktiken und wirtschaftlichen Bedürfnissen von Gemeinden übereinstimmen, die von ihrer örtlichen Fischerei abhängig sind. Wissenschaftliche Erkenntnisse über marine Ökosysteme mit überlieferten, traditionellen Kenntnissen zu verknüpfen ist ein erstrebenswertes Ziel.

das_mittelmeer/ueberfischung/wege_zu_einer_nachhaltigen_fischerei.txt · Zuletzt geändert: 2015/09/04 13:17 von jakob